DIESDAS

Warum ein Besuch auf der Biermeile Pflicht ist!

Am vergangenen Wochenende wurde zum 21. Mal der längste Biergarten der Welt in Berlin aufgebaut. Die Biermeile (bzw. offiziell das Internationale Berliner Bierfestival) genießt zu Unrecht teilweise noch immmer einen schlechten Ruf. Während hier vor 10 Jahren auf einer sehr deutschen, sehr weißen Veranstaltung organisierte Nazis Met tranken und die Thor Steinar-Quote zweistellig war, flanieren 2017 auf Berlins inzwischen zweifelsfrei bestem Volksfest Menschen jeder Hautfarbe, sexueller Neigung und aus jedem sozialem Milieu über die Karl-Marx-Allee und genießen das Ergebnis deutscher und internationaler Braukunst. Fabian Kunow und Jonas Gempp waren als Besucher vor Ort und wissen fast nur Gutes zu berichten:

Beim Betreten des vom Frankfurter Tor bis zum Strausberger Platz reichenden 2,2 Kilometer langen Festival-Geländes sieht man bereits Menschenschlangen am Pavillon der Festivalbetreiber stehen, die einen ProBierKrug erwerben wollen. Mit diesem kleinen Gefäß kann an den meisten Ständen der 344 Brauereien ein 0,2er-Bier erworben werden. Der ProBierKrug wird zum Einheitspreis von 2 Euro an den meisten Ständen aufgefüllt. Manche Biermeilebesucher versuchen wirklich jedes Bier zu trinken, in der Regel scheitert dieser Versuch und man bleibt ganz automatisch an einem Stand hängen. Beeindruckend ist die hohe Quote an Mottoshirts; mit Aufdrucken wie „Hau ab, Du bist kein Bier“, „Kasten kalt stellen, ist wie kochen“ oder „Warum kann man Bier nicht ficken?“ wird da rustikal der Liebe zum Gerstensaft Ausdruck verliehen. Gerne getragen werden auch die gelben Trikots des „Danish National Drinking Teams“ oder der „Belgium/Germany Beerfriendship“, englische Reisegruppen dagegen haben eine gewisse Affinität zum Schwenken von Deutschlandfahnen.

In den Anfangsjahren trank hier eine homogene Mischung aus Vorort- und Umlandvolk, das ist längst nicht mehr so. Inzwischen kommt an den drei Tagen eine angenehme Mischung aus Berlinern, Zugezogenen, Touristen, Erasmusstudenten, hipsterig aussehende Amerikanischsprecher und Expats, geeint in der Liebe zum Bier, zusammen. Trotz des Gedränges und Gedrückes bleiben alle freundlich, der Tritt auf den Fuss leitet hier gerne den frotzeligen Schnack unter Fremden ein, die Gläser klirren und es wird sich zugeprostet.

Die Biermeile hatte bis vor einigen Jahren wegen der sich in dreistelliger Zahl am Stand von „Odin Trunk“ sammelnden Neonazis zu Recht einen schlechten Ruf. Damals gehörten rassistische und homophobe Übergriffe zur Festfolklore. Nach Festschluss bildete sich oftmals ein Mob, der im Friedrichshainer Kiez Stress suchte. Ein Aufruf zu einer Antifa-Kundgebung gegen die Biermeile 2004 dokumentiert die damaligen Verhältnisse. Seit Ende der Nuller-Jahre wurden Nazis jedoch vom Fest verdrängt bzw. unsichtbar gemacht. Das ist zu großen Teilen der Initiative gegen rechts Friedrichshain und dem MBR Berlin zu verdanken, die mit dem Veranstalter der Biermeile und der eingesetzten Security zusammen ein Konzept etabliert haben, das es offen auftretenden Nazis und Rassisten schwer macht, allzulange Gast sein zu dürfen. Inzwischen sieht man annähernd kein Thor Steinar oder andere auf T-Shirts und gedruckte Nazisymboliken mehr. Bekannte Berliner Neonazis werden kaum noch gesichtet, denn sie fühlen sich dort offensichtlich nicht mehr wohl. Der Wandel des innerstädtischen Berlins ist allerdings leider auch an den Preisen abzulesen. Diese sind in den letzten Jahren kräftig angestiegen, weshalb sich die Besucherstruktur sukzessive Richtung solventere Mittelschicht verändert hat. Craft Beer, das zum Teil 4-5 Euro pro 0,3-Liter kostet und die passende Kundschaft ersetzen das alte, eher Eckkneipen orientierte Milieu und Schulle vom Fass. Trotzdem wäre es falsch bei der Biermeile von einer Yuppie-Veranstaltung zu sprechen.

Dieses Jahr gab es eine begrüßenswerte Premiere: Der erste schwul-lesbische Stand auf der Biermeile eröffnete seine Pforten, unübsehrbar war der kleine gemütliche Biergarten mit Regenbogenfahnen geschmückt. Die Brooklyn Brewery bewirtete den Homo-Treffpunkt und bot das großartige Brooklyn Lager vom Hahn und aus der Flasche an. (Sinnlos war allerdings die Magarita-Maschine. Dieses Gerät, das treue Dienste beim Motzstrassenfest oder bei der „Nation of Godwana“ leisten mag, hat dort einfach nichts zu suchen. Das ist ein Bierfestival!)

Homophobe Pöbeleien gegenüber dem Stand und den dort sitzenden sind beim Besuch und mehrstündigen Verweilen am Stand nicht zu hören, überhaupt sieht man viele schwule und lesbische Paare händchenhaltend durch die Menge schlendern, die mit korrekter Szenesprech, LGBTI und Aktivismus eher nichts zu tun haben, sondern einfach mit den Freunden aus einem nicht ganz so innenstadtnahen Stadtteil einen schönen Abend verbringen wollen. Neben Bierspezialitäten gibt es auch viele kulinarische Schmankerl: Softeis, Nackensteak, Knobibrot, Spanferkel, leckere Quarkbällchen oder Minidonuts, auf der Biermeile ist eigentlich für jeden Geschmack etwas dabei.

Und was passt besser zu einer Thüringer Bratwurst als ein Goldstar? Fassbier gibb es leider nicht, was der freundliche Betreiber mit den komplizierten Lieferwegen der Fässer aus Israel erklärt.

Nicht fehlen darf bei einer solchen Festivität das obligatorische Zelt. Dort ist die Stimmung bereits am frühen Abend kurz vorm Siedepunkt : Die Masse singt mit, tanzt auf dem Tisch, alle liegen sich in den Armen.

Stimmung im Festzelt (Nokia 230 TM)

Musikalisch eventuell nicht jedermanns Sache, aber wer es dort nicht lange aushält, der hat einige Meter weiter die seltene Gelegenheit mit einer im öffentlichen Diskurs eher unsichtbare Migranten-Community ins Gespräch zu bekommen.

Knapp 20.000 Menschen zählt man in Berlin zur vietnamesischen Community, die gerade in den Nachwendejahren vom Alltagsrassismus und Übergriffen stark betroffen war. Im traditionell stimmungsstarken vietnamesischen Biergarten, wird Saigon Bier verkauft und an allen Tagen gibt es von 15 – 22 Uhr Bühnenprogramm mit Live-Musik, Gewinnspiel und Reden.

Die Biermeile hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Daher wäre es traurig bis dumm, wenn man als Freundin oder Freund des Bieres nächstes Jahr nicht die Chance beim Schopfe packt und auf der besten Open-Air-Party Berlins die eine oder andere Gerstenkaltschale zu sich nimmt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.