Politik

Zur Verteidigung des bewussten Konsumenten und „der Antifa“ oder soll faschistische Propaganda etwa folgenlos sein?

Regelmässig ist zu lesen, dass es dem stationären Buchhandel schlecht geht. E-Books, Internethandel, das schwindende Interesse an Literatur bei jungen Leuten und vor allem Amazon lassen einen Buchladen nach dem nächsten verschwinden. Im sich durchgentrifizierenden Nordneukölln lässt sich aber eine gegenläufige Entwicklung beobachten. Hier entstanden in den letzten Jahren etliche kleine neue Buchläden und manchmal wird ein ambitioniertes Buchangebot im Schaufenster feilgeboten. Dem vielsprachigen Kiez entsprechend, kann man Autorinnen wie Laurie Penny und Angela Nagle oder Autoren wie Didier Eribon und Zygmunt Baumann in der Orginalsprache lesen. Nun muss einer dieser Buchläden aus ökonomischen Gründen – so schreibt es einer der Betreiber des Topics Berlin in einem längerem Statement auf Facebook – schließen und das bürgerliche Feuilleton läuft Amok.

Das Füllen des Feuilletonsommerlochs beginnt mit einem Beitrag von Hannah Lühmann in der Welt.  Die Welt sieht aktuell durch den Verzicht ALDIs auf Plastiktüten, die DDR im Begriff wiederaufzuleben – soviel zum intellektuellen Zustand dieses Blattes. Die Lühmann scheint in Nordneukölln zu wohnen, denn sonst wäre ihr, wie dem übergroßen Teil der Berliner entgangen, dass der Buchladen Topics Berlin schließen muss. Sie hat immerhin insofern journalistische Sorgfalt walten lassen, dass sie im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen wenigsten mal in diesem Buchladen war und mit den Besitzern gesprochen hat. Die Berliner Zeitung z.B. hat sich offenbar nur ein wenig bei Facebook umgeguckt. Vermutet aber natürlich auch die „linksextreme Szene“ hinter – ja was eigentlich?

Lühmanns Artikel in der Welt ist sowas wie die Blaupause aller folgenden Beiträge, die sich in der Regel wenig mit dem Stein des Anstoßes aka dem „Evola-Vorfall“ (Berliner Zeitung)  auskennen. Dafür  reproduzieren sie aber ordentlich bekannte Ressentiments gegen „die Antifa“, „Antideutsche“ bzw. „Linke“ – später werden aus diesen in der ZEIT sogar „Randalierer“. Nach dem G20-Gipfel bekommt das linksradikale Milieu, oder das was dafür gehalten wird, immerhin wieder etwas mehr Aufmerksamkeit der großen bundesweiten Medien. Lühmanns Scoop funktioniert über die Erzählung, dass in Berlin lebende Israelis bzw. „Enkelkinder von Holocaustüberlebenden“ (Zeit), von mit Antisemitismusdetektoren ausgestatten Antifas, also „Antideutschen“, in den Ruin getrieben wurden. Eine Boykottkampagne gegen Israelis ist grundsätzlich und immer antisemitisch, zumindest sekundär oder tertiär oder untergründig oder so. Da es aber keine Boykottkampagne gab und die Betreiber des Topics Berlin Antisemitismus als Motiv verneinen, wird der haltlose Vorwurf von Lühmann und Kollegen im Sinne des Effekts zunächst einmal wider besseren Wissens dennoch erhobenen, um ihn sogleich wieder zurückzuziehen. Ist der Vorwurf aber trotzdem erstmal in der Welt (lustiges Wortspiel!), nimmt die Geschichte richtig Fahrt auf und alle Feuilletons im Land schreiben über den Vorfall. Dabei haben wir es mit einer rhetorischen Figur des Rechtspopulismus zu tun: Man behauptet etwas, das nicht stimmt, um es sofort wieder zu relativieren, aber die Aufmerksamkeit ist geweckt und der Vorwurf bleibt am politischen Feind hängen.

Aber gehen wir weg von den Feuilleton-Idioten, die sich in ihrem Hass auf „Antifa“ und linke „Randalierer“ und mit ihrem Mitgefühl für „junge Unternehmer“ noch nicht mal die Mühe gemacht haben zu googlen, wen sie da eigentlich verteidigen. Im ZEIT-Artikel von Armin Langer wird der faschistische Kultautor zum „italienischen Kulturpessimisten und Rassentheoretiker“. Das Wort „faschistisch“ taucht nicht auf. Auch bei anderen Feuilletonisten wird herumlaviert, aber wenigsten das Wort „Faschismus“ zur Beschreibung gebraucht. Wer sich mit Julius Evola und dem faschistischen Milieu, das sich heute auf ihn bezieht und in Europa unter dem Namen „Identitäre“ oder „Neue Rechte“ firmiert, ernsthaft auseinandersetzen möchte, sollte das Buch „Die autoritäre Revolte – die neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ von Volker Weiß lesen. Diese geistige und politisch-aktivistische Strömung ist außerhalb Europas z.B. vornehmlich bei den amerikanischen Alt-Rights zu finden. Trumps Wahlkampfhelfer Stephen Bannon gehört zu dieser Strömung und schätzt das Werk Evolas. Das ist laut den Betreibern des Topics Berlins ein Grund, warum es ein interessantes Thema sei und überhaupt sei Evola ja nur falsch verstanden worden („misunderstood and powerful thinker“) .

Komischerweise wurde von den Feuilleton-HB-Männchen kein Wort darüber verloren wer denn das faschistische Gedankengut von Evola und somit Bannon vorträgt. Lediglich die FAZ wies kritisch daraufhin, wer an jenem Abend im Februar der Referent sein sollte. Es ist ein Amerikaner namens DC Miller und er kommt aus dem Dunstkreis der extrem rechten Alt-Rights, in London gab es bereits Anfang des Jahres einen ähnlich kalkulierten Skandal, bei einer ähnlichen Veranstaltung. Es wurde also ein Vertreter der politischen Strömung eingeladen, mit deren geistigen Horizont sich vermeintlich kritisch auseinander gesetzt werden sollte. Was daran kritisch ist, einem Faschisten Raum zu geben seine menschenfeindlichen Thesen vorzutragen, bleibt offen. Dass Faschisten plötzlich als besonders sensibel und selbstkritisch gegenüber ihrer Ideologie gelten, wäre eine Neuigkeit. Es geht eigentlich um die Frage von Meinungsfreiheit und ihren Grenzen. Also was ist, wenn ein moderner Rechtsextremist einen faschistischen Klassiker in der eigenen Nachbarschaft referiert? Ich persönlich halte da nichts von. So ging es scheinbar außer mir noch einigen anderen und sie taten dieses in dem Facebook-Event zu dieser Abendveranstaltung kund.

Klassische freie Meinungsäußerungen also, genau jeden Art der Meinungsartikulation, die die Freunde der Meinungsfreiheit von Junge Freiheit, Welt, Zeit und sowie mittlerweile fast allen Feuilletons der bedeutenden deutschsprachigen Medien doch eigentlich immer so sehr verteidigen? Daraufhin sagt das  das Topics Berlin die Veranstaltung ab und ansonsten passiert nichts. Es fliegen keine Farbbeutel oder es kommt zu anderen Formen von Militanz. Was beachtlich ist, da in Nordneukölln beim Kampf gegen Gentrifizierung schon mal etwas robuster zugepackt wird. Aus den Meinungsäußerungen wie „faschistischer Buchladen im Herzen Berlins“ wird in den Feuilleton Artikeln dann „Shitstorm“ und „Bedrohungen“. Wie die einzelnen Meinungsäußerungen zu bewerten sind, ob sie z.B. Bedrohungen sind, unterliegt natürlich der Meinungsfreiheit der einzelnen Feuilletonisten, einen sonderlich qualifizierten Eindruck haben sie nicht gemacht. Festzuhalten bleibt aber, es kam nicht zu Randale. Deshalb ist mir vollkommen unklar, wo der ZEIT-Autor die linken „Randalierer“ her hat? Hier haben das Qualitätsmedium ZEIT und ihr Autor Armin Langer scheinbar ein wenig die Wortwahl auffrisiert und an der Empörungsspirale gedreht, macht ja auch Sinn, wenn man beim Skandal selbst zeitlich ein wenig hintendran ist. So funktioniert eben das Medienbuisness in Zeiten sinkender Auflagen und fehlender Verwertungsmodelle.

Wichtig ist, um zur Geschichte zurückzukommen, es gab noch nicht mal einen Boykottaufruf, wie die Betreiber des Topics Berlin selbst betonen. Was wohl stattdessen eingesetzt hat, trägt den Namen „ethischer Konsum“. Ehemalige Kunden kaufen bei einem Buchladen weiter ihre Bücher, potenzielle Kunden betreten den Laden allerdings nicht mehr. Diese sehr zivile Form ist eigentlich das Gegenteil von gewaltförmigen Zensurmassnahmen. Es ist noch nicht einmal ein kollektiver Akt wie man ihn von solidarischen Linken kennt, sondern eine individuelle Entscheidung aufgeklärter Bürger. Eigentlich müsste diese individuelle Gewissensentscheidung genau das bedienen, was Schreiber und Leser von Welt, Zeit, Berliner Zeitung und Tagesspiegel gut finden. Oder treten jetzt die Schreiberinnen und Schreiber der verschiedenen Zeitungen für Kaufzwang ein? Das wäre doch DDR! Ulf Poschhardt hilf uns!
Es war übrigens, wie ein Kollege des Freitags heraus gefunden hat, nicht der erste Auftritt einer Person, die der extremen Rechten zu gerechnet werden kann, im Topics Berlin. So referierte dort schon ein Autor der Jungen Freiheit zu Star Wars und bereits auf dieser Veranstaltung finden sich die Themen des intellektualisierten Faschismus‘, welcher heute unter dem Namen Neue Rechte bekannt ist. Es handelt sich dabei um Harald Harzheim. Dieser wird in einem Facebook Post als „friend“ und dreifacher Redner im Topics Berlin vorgestellt.

Interessant wäre auch die Frage, ob sich jenseits von David Berger oder der Jungen Freiheit das Feuilleton so echauffiert hätte, wenn in Nordneukölln eine 08/15-Eckkneipe Umsatzeinbussen hätte, da dort Rechtsradikale rechtsradikales Zeug erzählen? Ich für meinen Teil schätze den Universalismus des antifaschistischen Teils der Nordneuköllner Nachbarschaft, der generell kritisch zu Auftritten von Rednern aus der extremen Rechten steht, egal welchen Pass die Organisatoren in der Tasche tragen. Da bis sich bis jetzt nur Feuilleton-Schreiber und keine Wirtschaftsjournalisten zu Wort gemeldet haben, muss hier am Ende in einem Satz nochmal nochmal deutlich gemacht werden: Kann ein Geschäft seine laufenden Kosten nicht durch den Umsatz decken, droht die Pleite – das nennt man Marktwirtschaft und diese wird in der Regel weder in der Berliner Zeitung, der FAZ oder gar der Welt in Frage gestellt. Wenn alle die, diese Artikel über die intoleranten Antifas, Antideutsche bzw. linken Randalierer auf Facebook geteilt haben, ein Buch im Topics Berlin gekauft hätten, wäre vermutlich der nie formulierte Boykottaufruf ins Leere gelaufen. Aber so wichtig war es dann wohl doch nicht, es musste nämlich hauptsächlich nur das eigene Anti-Antifa-Ressentiment gepflegt werden und man hat sich bewiesen, dass man auf der richtigen Seite steht.

Immerhin befinden sich ZEIT, Welt, Berliner Zeitung und Co in guter Gesellschaft, auch bei der dem rechtsextremen Hetzblatt Compact schäumte man vor Wut über den Antifa-Terror

2 KOMMENTARE
Schadé

Vor allem scheint niemand der erboßten Menschen die Diskussion in der damaligen Facebook-Veranstaltung miterlebt zu haben. Die Inhaber haben sich dort ekelhaft relativistisch gegenüber protofaschistischen Gedanken präsentiert. Zurecht verweigert man sich ansonsten doch auch nicht der Kritik über das dumme Gezeter, dass Teile von Israels Linken zuweil anstimmen, wenn deren Freunde die Nationalitätenkarte ausspielen. Doppelstandards und Identitätspolitik, welche man sonst vor allem in der PoMo-Ecke vermutet.

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