Politik

Die FAZ über G20 – Fakenews für die radikale Mitte

Auf das Ereignis folgt die Einordnung, das ist auch im Nachgang des G20-Gipfels so. Vor allem die Ausschreitungen lassen den deutschen Bürger und große Teile der Medien schäumen. Von Bürgerkriegsverhältnissen über „Reichskristallnacht“-Vergleiche bis zum Holocaust reicht die Palette, besonders die FAZ hat sich in ihrer Berichterstattung mit extra alarmistischen Schoten hervorgetan, das absolute Highlight ist aber der Artikel Wer in Hamburg wirklich versagt hat von Mathias Müller von Blumencron, dem „Chefredakteur digitale Produkte“. Was dessen Expertise bei der Einordnung des G20 und den Protesten ist, bleibt unklar, aber vielleicht ist sein Name bei der Redaktionskonferenz im Rahmen der Kommentartombola gezogen worden und da hat er einfach mal ganz viele Sachen, die völliger Quatsch sind runtergeschrieben. Hier sind beispielhaft die ersten Sätze seziert, der Text geht auf diesem Niveau immer so weiter bis er in der obligatorischen Links-Rechts-Gleichsetzerei in Kombination mit der unvermeidlichen Pathologisierung endet: „Wer so redet, ist mit Argumenten für die gegenwärtige Verfasstheit der westlichen Welt nicht mehr zu erreichen.“
Journalistisch bewegt sich dieser Kommentar schon fast auf dem Niveau von Fakenews, die empörungsgeleitete Boulevardisierung von Ereignissen ist offenbar endgültig bei der FAZ angekommen:

Drei Tage und drei Nächte der politisch motivierten Gewalt in der zweitgrößten Stadt der Republik, in einer der reichsten Europas.

Auch wenn die Bilder etwas anderes suggerieren; selbst in der Schanze konnte man zweimal um die Ecke gehen und bekam von den Riots beim Bier auf der Straße wenig bist gar nichts mit. Die Stadt war in diesen Tagen weniger durch die punktuelle „politisch motivierte Gewalt“ bestimmt, als durch die Konsequenzen eines Riesengipfels im alltäglichen Leben: Kontrollen, Absperrungen, No-Go-Areas.

Tage und vor allem Nächte, geprägt von einer bisher nicht gekannten Orgie der Zerstörung.

In Relation zu was „nicht gekannte Orgie“? Zu einem Pfadfinder-Camp in Bayern? Es haben Barrikaden (in Altona auch um die 30 Autos) gebrannt, vier (?) Geschäfte wurden geplündert, Scheiben gingen zu Bruch. Das mag für Deutschland in diesem Maße erschreckend sein, aber auch hier wieder: 99.9% der Stadt waren von den „Orgien der Zerstörung“ schlicht nicht betroffen. Blumencron möge im Klima des unsäglichen Bürgerkriegsvergleichs mal nach Aleppo schauen oder in ausgelöschte kurdische Städte, die von der türkischen Armee dem Erdboden gleich gemacht wurden, bevor er so einen Unsinn erzählt.


(Die Schanze am Samstagmittag nach der „Orgie der Gewalt“)

 

Gewalt gegen Anwohner und Polizei, Plünderungen, Brandstiftungen, Vandalismus.

Gewalt gegen Anwohner? Gibt es die nicht eher mal an einem stinknormalen Wochenende, wenn Highlife ist, der besoffene Umlandbesucher seine Blase im Vorgarten entleert und kein Verständnis für den Anwohner hat, der sich aus dem Fenster rufend beschwert? In Sachen tatsächlich stattgefundener Gewalt gegen Unbeteiligte und Presse tat sich an diesem Wochenende auch eher die Polizei hervor.

Die Spur der Verwüstung, die Randalierer durch Hamburg, aber auch durch eine Gesellschaft demokratischer Toleranz gezogen haben, ist verheerend.

Wieso sollte das verheerend sein bzw. verheerender als bspw. die Unterbindung des Arbeit der Presse durch die Polizei? Was hat das mit demokratischer Toleranz zu tun, wenn die diese im Vorfeld des Gipfels jegliche Gerichtsentscheide ignoriert und das Recht zu demonstrieren verweigert? Und noch mal zum Mitschreiben: Es wurden in der Schanze Läden geplündert, es haben in der Stadt verteilt 50 Autos gebrannt und bei den Ausschreitungen zwischen Poizei und Demonstranten kam es zu Sachschäden, aber es gab keine flächendeckende Gewaltorgie in großen Teilen der Stadt. Dies zu behaupten ist schlicht kontrafaktischer Unsinn.

Folgen:
Wie kann, wie soll die Republik damit umgehen? Wie soll eine Gesellschaft mit dieser Art Extremismus fertig werden?

JA WIE BLOSS? Little hint: In zwei Wochen ist alles vergessen, nur CDU und SPD werden wegen „dieser Art Extremismus“ irgendeinen Überwachungskram lancieren. Das müsste doch im Sinne demokratischer Wutbürger mit Hufeisentheoriehintergrund sein?

Die Riots im Schanzenviertel kennen viele Motive, und eines von ihnen ist das rücksichtslose Ablassen von persönlichem Frust, von Versagen, von nicht verarbeiteten persönlichen Niederlagen.

Genau! Nicht nur, dass Linke ALLE gefrustete Versager sind, auch die Riotkids aus den Hochhaussiedlungen sollen sich mal nicht so anstellen! Wieso schließen sie sich denn nicht einem Netzwerk mit Perspektive, wie etwa der Rotary Club Jugend an und werden erfogreiche Entrepreneurs??

Es ist der Ego-Trip, der sich den Deckmantel des politischen Protests umhängt und im Sinne eines klassischen Hooliganismus austobt.

Sind Hooligans qua Definition nicht einfach am Faustkampf mit Gleichgesinnten interessiert? Aber auch in diesem Fall scheint Blumencron im Besitz völlig neue Insiderinfos zu sein, die jahrelange universitäre Forschung zum Topos „Hooliganismus“ obsolet machen, die Hauptsache ist doch, dass es irgendwie zum schrill-alarmistischen Tenor passt. Abgesehen davon kann man zu Militanz stehen wie man will, sie ist schon immer ein Teil des politischen Kampfes, das Deckmantel-Gewäsch zeugt vor allem von historischer Unkenntnis. Aber auch hier: „Chefredakteur digitale Produkte“

Doch bei etlichen der Randalierer hat die politische Komponente einen weitaus höheren Stellenwert.

Hä was denn jetzt? Hoher Stellenwert oder nur Deckmantel?

Im Hamburger Schanzenviertel manifestiert sich eine Totalopposition, die für die existierende demokratische Praxis in Deutschland und der westlichen Welt nur eine Antwort hat: Verachtung und Zerstörung – und danach den Wiederaufbau einer komplett anderen Gesellschaft, deren warme Morgenröte mehr Gerechtigkeit, mehr Gleichheit und das Ende von Armut verspricht. Es ist die ewige Utopie der perfekten Welt.

Lesen die eigentlich keine Bücher mehr bei der FAZ? Eine Grundlage für den Fortschritt sind Utopien bzw. deren Formulierung und was ist denn am Ende von Armut und Gerechtigkeit verkehrt? Aber bevor ich hier den kompletten Text Satz für Satz auseinandernehme und die aufmerksamen Hausjuristen der FAZ alarmiere, abschließend noch dieses wirre Schmankerl:

Dieser Extremismus ist in den vergangenen Jahren auf erschütternde Weise gesellschaftsfähig geworden, ja geradezu hip. Er manifestiert sich längst nicht nur im Schanzenviertel. „Ich bin ein Leninist“, soll der amerikanische Präsidentenberater Steve Bannon von sich gesagt haben: „Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich möchte alles zerschlagen und das heutige Establishment zerstören.“

Ein großer Teil der gewalttätigen Demonstranten wird diesen Satz unterschreiben. In ihrem dystopischen Blick auf das Diesseits, in ihrem Hass auf die Institutionen begegnen sich Linke wie Rechte, in ihrer Sehnsucht nach Zerstörung des Existierenden und nach einem Zustand zumindest vorübergehender Anarchie.

Linke Politik und Einstellung sind in Deutschland marginalisierter denn je, was sich übrigens beispielhaft u.a. an der in den letzten Jahren nach rechts geruschten SPD ablesen lässt. Aber klar; der rechte Oberwirrkopf Bannon fabuliert in einem Interview von Lenin und zack ist Lenin quasi rechts, quasi links, quasi schlimm. Das ist allen Ernstes die Analyse eines (Gadget-)Ressortleiters einer Tageszeitung, die sich für den Mainstreamdiskurs prägend hält? Die boulevardesque Adaption der Hufeisentheorie und Boulevardisierung der FAZ allgemein stehen sinnbildlich für die Radikalisierung der Mitte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.