DIESDAS

Früher war vielleicht doch einiges besser oder warum Leipzig nicht das neue Berlin ist

Es ist müßig bis öde sich als mittelalter Mensch an eine zurückliegende Zeit zu erinnern und das verklärte Früher mit dem Heute abzugleichen, nur um dann zu dem Schluss zu kommen, dass damals alles besser war. Vor allem „niemand bei Verstand“ tut das, wie die neoliberale „Urbanistin“ Ulrike Heringer erkannt zu haben meint. Schon als ich 2002 zum Studieren nach Berlin gezogen war, haben mich Menschen, die bereits fünf bis zehn Jahre im dortigen Nachtleben unterwegs gewesen waren, immer hart genervt mit ihrem Gerede davon, wie gut doch alles mal war – früher. Vor allem retrospektiv betrachtet kann man ihre Worte als völligen Unsinn entlarven, denn zu dieser Zeit begann in Berlin nicht weniger als die Renaissance der heute omnipräsenten, damals bis auf Ausnahmen eher verpönten Techno- und Clubkultur, die sich aktuell in der komplett durchkapitalisierten Form als EDM bezeichnet und elektronische Tanzmusik meint. Wie auch immer: Eine Wiedergeburt ist am End fast so gut wie eine Geburt und hundert Mal besser als die Zeit dazwischen.

Die End-80er-Loverarade-(Avant)Garde hatte sich also Anfang der Nuller teilweise in den Vorruhestand verabschiedet, die Technoclubdichte war überschaubar, institutionalisierte Sonntagsafterhours existierten bis auf die Beatstreet und den Casino Garten kaum und das Ostgut hatte zwar bereits einen guten Namen, schloss aber Ende 2002, beerdigte selbigen, wegen des bevorstehenden großen Umzugs und nannte sich fortan ein paar Hundert Meter weiter Berghain. Dienstags und donnerstags etablierte sich das Cookie’s in verschiedenen Locations in Mitte als guter Anlaufort, es sei denn man war ein besonders aggressiver Verfechter der Alternativtechnokultur mit WG-Zimmer in Friedrichshain. Dort erzählte einem übrigens mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit irgendeine Elendsgestalt des Mitte-Adels, erfüllt von aggressiver Wehmut, wie geil die Partys in der Ur-Location waren: „Kein Klo, Bierkiste als Theke, keine Schwaben ugga ugga kra kra… WIE LANGE WOHNST DU DENN EIGENTLICH SCHON HIER?“ Mittwochs konnte man im Weekend richtig viel Spaß haben, im Watergate tanzte Sven Väth an einem Freitagmittag auf den Ausläufern einer Groove-Party mit Turban und ohne Shirt durch die Menge, man munkelt, dass es wohl eine hochdosierte grüne Mitsubishi war, die den Babba an diesem Morgen durchdrehen lies.

Ein viertel jener grünen Mitsubishis bescherten mir einige Wochen früher oder später, ebenfalls unter der Woche an einem Mittwochabend, ein nie wieder erlebtes, unfassbar euphorisches Tanzerlebnis bei DJ Hell im Rio, dem historischen Geburtsort des Berlin-Hipsters. Ungefähr zu dieser Zeit hatten ein paar Hippies einen Wohnwagen an die Spree gestellt, Musik lief und wenn man über weitere Termine informiert werden wollte, musste eine Email an bar25@gmx.ch oder so ähnlich geschrieben werden. Überhaupt war die konspirative Weitergabe von Partyterminen und –orten per Mail oder auch in der Restrealität kein USP, sondern man hielt sich einfach die Arschlöcher und das Ordnungsamt vom Leib, irgendwas angemeldet oder gar abgenommen wurde nämlich eher selten. Anders wären Partyreihen Wir sind Park, Karneval der Verpeilten, Rafgier, Klangsucht oder Clubs wie das Deep, die Villa, der Mittwochsclub in alten Industriebauten, ehemaligen Brauereigewölben, in Parks und auf Wiesen gar nicht möglich gewesen.

Wie man merkt, verkläre ich die Vergangenheit ganz enorm. Damit bin ich vielleicht nicht viel besser als die eingangs angesprochene Elendsgestalt, aber mich macht der Rückblick auf die Zeit, in der man als frisch zugezogener Student mit 700 Euro ein recht zwanglosere Leben führen und studieren konnte, zumindest nicht so aggressiv, dass ich junge, gerade nach Berlin gezogene Menschen für die Malaise verantwortlich mache. Dass damals noch keine Startupsknechte, uniformen Zalando-Lemminge auf Gadgetjagd und Agenturuschis mit BWL-Hintergrund das Bild der Torstraße, Gesamtneuköllns, aber auch des Nachtlebens prägten, hat nämlich verschiedene Gründe. Der Hauptgrund wie immer: Kapitalismus bzw. Gentrifizierung, yada yada yada…

Das auszuführen würde zu weit führen, also gehe ich es etwas vulgärer an: Berlin hatte Anfang der Nuller-Jahre keinen sonderlich guten Ruf, war sowas wie eine failed capitol, die es noch nicht geschafft hatte, wirklich Hauptstadt zu werden. Nach Berlin ziehen wurde bis Ende der Nuller-Jahre im Rest Deutschlands überwiegend amüsiert bis skeptisch beäugt: „Nach dem Studium kommst du aber wieder?“ bekam ich oft zu hören. Der Glaube, dass man in Berlin auch nach dem Studium noch halbwegs angenehm leben kann, war nicht sonderlich ausgeprägt. Es klingt heute dubios, aber Popkulturhauptstadt war damals noch Köln und um den Platz als erste Technometropole im Land stritt man sich mit Frankfurt bzw. dem schranzorientierten Rhein-Main-Gebiet, außerdem war da ja auch noch Hamburg mit seinem saturierten Anarchocharme. Ähnlich groß wie das Angebot an halbwegs lebenswerten Städten in Deutschland war das Überangebot auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Für 300 Euro (alles inklusive) war locker ein großes Zimmer mit Fischgrätenparkett in einer Altbau-WG drin, die Torstraße sah noch schmuddelig-grau aus und beim Prosecco schnorren auf den Vernissagen in Mitte traf man die gleichen Gesichter wie am Wochenende im Club oder später auf der Afterhour. Dort konnte es durchaus passieren, dass Ricardo Villalobos oder Richie Hawtin zum Chillen auftauchten und ein paar Platten spielten.

Auch der Kunstbetrieb war noch meilenweit von der heutigen Durchprofessionalisierung entfernt. Zum Tummelbecken überehrgeiziger Selbstvermarktungsprofis im Gewand das alternativ angehauchten Altkleiderhipsters mit Instagramaccount wurde diese Szene erst, als es in Berlin begann zum guten Ton zu gehören, dass man Geld verdient, gefühlt so um 2010 rum, wobei es natürlich ein schleichender Prozess war. Im Frühjahr 2003 führte ich im Rahmen des Seminars Empirische Sozialforschung (Studiengang BA Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin) eine Umfrage an der Ecke Münz- / Alte Schönhauser Straße durch, deren abgefragtes Thema mir nicht mehr einfällt. Das interessante waren hier aber die einleitenden Standardfragen zu Einkommen, Bildung etc. Die Hälfte aller Befragten hatte einen Magister oder ein Diplom, aber kein geregeltes Einkommen oder gar eine Festanstellung und machte auch gar keinen Hehl daraus. „Ich suche nach einem halbjährigen Sabbatical wegen Burnout-Überarbeitung in einem mexikanischen Yoga Retreat aktuell in-ten-sivst!“, „Gestern um ein Projekt gepitcht…“ oder „Habe was hochdotiertes in Aussicht!“ hörte ich nicht einmal. Vor 10-15 Jahren war busy sein anscheinend noch kein erstrebendwerter Grundzustand, die Leute wollten vor allem Spaß haben und leben, wer etwas politischer war, hat dazu noch regelmässig versucht Nazis weh zu tun oder sie zumindest zu blockieren. Als neulich bekannt gegeben wurde, dass das Felix schließen muss, war die hämische Freude groß. Bei genauerem Hinsehen gibt es dafür aber keinen Grund: Denn dass der Schicki-Schuppen keine Gäste mehr ziehen konnte, liegt vor allem daran, dass sich die Zielklientel nicht mehr mit aufgestellten Polokrägen Grey-Goose-Flaschen an den reservierten Tisch ordert, sondern inzwischen wie selbstverständlich in Hypebeast gekleidet die ex-undergroundigen Berliner Technoclubs mit sich voll macht. Offensichtlich bin ich basierend auf meinen Vergangenheitserinnerungen doch stinksauer und nicht weniger aggressiv als der Cookiesmensch, aber immerhin bin ich nicht verbittert, im Gegenteil. Ich bin euphorisiert! Das hat einen einfachen Grund: Leipzig

Ja ich weiß, die New York Times hat da vor ein paar Jahren drüber geschrieben, selbst Prof. Dr. Dr. Ulf Poschhardt ist hier sicher schon mit dem Porsche hingedüst, hat mit der örtlichen FDP Cannapés gegessen und einen gehaltvollen Fahrbericht für den Welt-Kulturteil geschrieben. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich denke nicht, dass Leipzig das neue Berlin, das neue New York – oder was auch immer sich deutsche Kulturteilschreiber auf der Suche nach dem neuesten Trend da als Dreh zusammenimaginieren – ist. Ich möchte auch gar nicht mal in Leipzig leben, aber Leipzig ist dennoch die Stadt, die am ehesten an das Berlin herankommt, wegen dem ich als Abiturient aus Frankfurt weggezogen bin und das ich, wie man diesem Text sicher anmerkt, manchmal etwas vermisse. Mir ist in den letzten Jahren dieses Gefühl, dass alles passieren kann, abhanden gekommen und ich bin mir nicht sicher, ob das rein biographisch erklärbar ist. Mein Eindruck ist, dass die letzten Reste Alternativkultur im Sinne der Aufwertung gerade aus dem Stadtbild getilgt werden. Demnächst wird die Friedelstraße geräumt, Brachen sind geschlossen, alle Fassaden renoviert und irgendetwas Spontanes passiert schon lange nicht mehr. Die Stadt ist durchgetaktet, das Postwendeabenteuerland endgültig zur Cashcow transformiert. Man könnte Berlin eigentlich abhaken und den Stadtschlüssel an die Samwers übergeben. Wir haben den Brüder den Boden bereitet, so lasset sie nun ernten!

Anders ist das in Leipzig. Gerade war ich eine Woche bei einem Freund zu Besuch und bin von dort aus der Lohnarbeit nachgegangen. Ich muss dazu sagen, dass regelmässig in Leipzig bin und es dort einfach mag; die Stadt hat eine angenehme eigene Geschwindigkeit und genau die richtige Größe. Nach einem heißen Sommertag ist Connewitz so wie ich mir als 16-jähriger Speckgürtelbewohner mit Fernweh alternative Urbanität vorgestellt habe. Viele bunte Menschen mit einer eher linken Einstellung bevölkern die Straße: Die Anhänger der BSG Chemie Leipzig stehen am Schwan, die Fußballzecken vom Roten Stern am Fischladen, Punks und Studenten sitzen in den Parks links der Karli und trinken billiges Bier aus dem Späti.

Von der Stö bis zum Conne Island scheint es hier einen unausgesprochenen Grundkonsens zu geben, der Connewitz heißt. Selbst die lokalen Antifas machen nicht den Eindruck, als sei mit der Organisierung in der Gruppe die Unfähigkeit normal zu kommunizieren per Chip implantiert worden, man ist im nu schnell mit jedem im Gespräch. Die alternative Lebenskultur prägt ganze Strassenzüge, das gibt es in Berlin leider schon eine ganze Weile nicht mehr. Selbst den oldschooligen Israelfimmel erträgt man hier als Teil der Lokalfolklore. Das Institut für Zukunft (IFZ) hat es geschafft seit der Gründung vor ein paar Jahren einen ganz eigenen Sound zu kreieren, im Alfred-Kunze-Sportpark leben Chemie Leipzig und seine Anhängerschaft Graswurzel-Fußballkultur in einer Art und Weise und mit einer Leidenschaft, die in ganz Europa ihresgleichen sucht.


(Bild: Dominik Dresel)

Doch auch wenn die Freude über den nahenden Aufstieg in die vierte Liga riesig ist, ist so ein Erfolg nicht widerspruchsfrei, denn mit dem Erfolg kommen die Vorgaben, die Notwendigkeit Vorgänge zu optimieren und vor allem den Verein noch strenger nach betriebswirtschaftlichen Prämissen zu führen. Womit wir im Kleinen bei der Schattenseite des Abfeierns wären: Die grandiose Entwicklung des traditionsreichen Fußballclubs weist gewisse Parallelen zur Stadt Leipzig auf. Auch dort geht es steten Schrittes voran, es wird an allen Ecken und Enden gebaut, die Mieten und die Lebenshaltungskosten steigen, der Gentrifizierungsprozess läuft auf Hochtouren.

Trotzdem meine Empfehlung an alle Leipziger und Nicht-Leipziger: Genießt die Stadt! Bald ist das vorbei, dann kommen die Geschäftigkeit, die kapitalistische Routine und die fertiggestellte Aufrüschung. In 5-10 Jahren könnt Ihr dann immerhin Leute auf Partys aggressiv volllabern wie toll das damals alles war! Wenn man das denn als was Gutes begreifen möchte.

Aber dies soll ja auch kein Abgesang sein, sondern hier soll ja die Vergangenheit verklärt, das Jetzt beschrieben und die Zukunft geahnt werden…

2 KOMMENTARE
Lorenz

Na toll, Jonas Gempp – nach dieser Lektüre hat dann bald Leipzig die Schwaben am Hals…

Kann mich gut an die Zeit erinnern, in der Berlin als eine der unattraktivsten Städte der Republik durchging. Zumindest in der schwäbisch-bürgerlichen Provinz. Mir war Berlin deshalb gleich grundsympathisch. Bei unserem ersten Besuch hatten meine Begleiter und ich keinerlei Schimmer von Berlin-Hype, Flucht aus der Provinz oder von der Stadt überhaupt. Das muss so 2004 gewesen sein. Es war ein privater Hauptstadtbesuch, weil man ja mal in der Hauptstadt gewesen sein sollte. Wir schwäbelten vor uns hin und erlebten keinerlei Ablehnung. Die Berliner Schnauze, die Punks, die Parks voller verrückt-sympathischer Leute – ein erstes Gefühl, dass es auch anderes Leben gibt als das, was man so kannte. Aber das Leben verlief weiter, wie es in Kleinstädten eben so verläuft. Es hatte seine Gründe. Das Studium – nach anderen Anläufen – schuf dank diverser KommilitonInnen ein erstes wirkliches Bewusstsein für Berlin. Und für andere Dinge auch. Mit mehr Bewusstsein hätte ich eigentlich auch gleich in Berlin studieren können.

Danach, es ist jetzt sechs Jahre her, war es zu spät für diese Stadt. Zumindest für mich. Die „Aufwertung“ hatte längst begonnen. Einfach mal vor Ort arbeitslos melden und irgendwo unterkommen? Vielleicht wäre das nach dem ersten Besuch noch möglich gewesen, ich weiß es nicht. Im Laufe der Zeit sah ich einige nach Berlin ziehen. Ich dachte mir öfter: Was wollen ausgerechnet die dort? Menschen, die heute der Meinung sind, dass sie jetzt eher München bevorzugen würden. Wegen den Karrieremöglichkeiten und den Bergen und so. Es sind die Ego-Agentur-Tanten oder der von Papi durchfinanzierte Anwaltssohn. Mein Wohnort ist, wobei ich es mir nicht gerade einfach mache, kapitalistischen Zwängen mit vielen Untiefen unterworfen. Berlin, was jetzt hipper, aufstrebender Startup-Metropolenquatsch sein soll, lockt immer noch. Aber vielleicht nicht mehr unbedingt die, weshalb es mal wirklich verlockend war.

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