DIESDAS

Unser Unwort des Jahres: Hatespeech

Bild: Flickr/Foto: K-Screen Shots/Creative Commons/Lizenz: CC BY 2.0/via

Am 10. Januar 2017 wurde das Unwort des Jahres bekannt gegeben. Es lautet: Volksverräter. Gähnt ihr schon? Ja, wir auch! Warum nicht mal ein wirkliches Unwort wählen, also eines das so richtig Scheiße ist, aber in gefühlt keiner Debatte im letzten Jahr fehlen durfte? Das wäre doch mal was gewesen! Wir haben deswegen einen Vorschlag für Dich, liebe Jury, warum nicht Hatespeech* wählen? Ein beschisseneres Wort hat es im letzten Jahr, mit Verlaub, nicht gegeben.

Und noch etwas spricht dafür: Hatespeech war 2016 quasi omipräsent. Hass, Hatespeech und Trolle waren die Schreckgespenster des Feuilletons und der Social Justice Warrior in den Sozialen Netzwerken. Carolin Emcke, Preisträgerin des diesjährigen Friedenspreis des deutschen Buchhandels, hat ein ganzes Buch „Gegen den Hass“ verfasst. Es gibt eine Initiative der Bundesregierung in Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung gegen „Hatespeech“. Dort stellt man sich dem Hass mit Memes und Gifs von vor 4 Jahren entgegen.

Aber so ist es eben, wenn Journalisten ein Thema wichtig finden. Diese sahen sich im vergangen Jahr wohl vermehrt mit sogenannten Hasskommentaren konfrontiert, sei es auf ihren eigenen Social-Media-Kanälen oder denen ihrer Redaktionen. In einem Interview mit dem „Zeit Magazin“ jammerten zum Beispiel drei Social-Media-Redakteure sehr öffentlichkeitswirksam über die Strapazen ihres Jobs. Der ist sicherlich durch die aufgeladene Stimmung nicht einfacher geworden, doch braucht man auch nicht viel Fantasie, um sich anstrengendere und auch sogar schlechtbezahltere Jobs als die von Social-Media-Redakteuren vorzustellen, oder?

Zuerst einmal: Hatespeech existiert. Frauen, die über Feminismus schreiben, werden – und das nicht nur im Internet – sehr schnell mit dem verbalen Dreck ewiggestriger Männer übergossen. Jeder, der schon mal einen Artikel über oder gegen Nazis geschrieben hat, weiß mitwelchem Müll die Kommentarspalten voll sind. Trotzdem: wäre es nicht besser, die Dinge beim Namen zu nennen? Warum nennt man den Sexist nicht Sexist? Den Rassisten nicht Rassist? Den Nazi nicht Nazi? Warum eine Beleidigung nicht eine Beleidung nennen und eine Bedrohung eine Bedrohung? Vielleicht weil dann die moralische Überlegenheit verloren ginge? Hatespeech ist ein nutzloser Begriff, der nichts ändert, mit dem man nichts hinterfragt.

Wer Hatespeech als Begriff verwendet befindet sich intellektuell auf dem Niveau eines Dreijährigen, in dessen Welt Liebe = gut und Hass = bäh ist und genau auf diesem Niveau bewegt sich die Diskussion leider. Alle schreien sich an, verdächtigen sich, keiner erfährt etwas über den anderen, alle haben irgendwie Recht. Dieser Effekt ist auf die „Filterbubble“ – noch so ein Unwort – zurückzuführen, vor der im letzten Jahr die Angst kursierte. So funktioniert der Begriff Hatespeech im Grunde als eine Erweiterung der nutzlosen Totalitarismustheorie. In der Mitte lebt es sich richtig, was auch immer das für eine Mitte ist, an den Rändern leben die Extremisten und verbreiten Hass. Donald Trump gewinnt: Der Hass ist schuld. Geflüchtetenunterkünfte brennen: Der Hass ist schuld. LGBTIs werden angegriffen: Der Hass ist immer schuld. Und gegen Hass sollen dann Liebe, Flausch, Einhörner oder irgendeine andere Nutzlosigkeit helfen.

Was aber passiert, wenn wir die die Verhältnisse nicht mehr benennen, kann man gut an Carolin Emckes Buchs „Gegen den Hass“ sehen. Wünsche wir uns so eine Welt, die Emcke beschreibt? Mit kleinen Abstrichen schon. Wir wünschen uns auch, dass niemand wegen seiner sexuellen Orientierung, wegen seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Herkunft bedroht, beleidigt, getötet wir. Aber vom Wünschen ist die Welt noch nie besser geworden, das kommt nur in Märchen vor und deswegen wäre „Woher kommt der Hass?“ ein besseres Buch gewesen, in dem die Autorin sich zumindest ein bisschen mehr dafür hätte interessieren müssen, wie Konflikte entstehen. Um noch ein Stück weiter zu gehen, hätte sie sogar fragen können: „Wie schaffen wir den Hass gegen Benachteiligte aus der Welt“, dann wäre sie von der sich moralisch überlegen fühlenden Publizisten über die zumindest an Ursachen interessierten Soziologin aber schon fast zur politisch Denkenden graduiert. Aber wir wollen nicht zu übermütig werden mit unseren Wünschen und Forderungen, schließlich haben wir ja alle mal klein angefangen.

Die Outcall-Kultur linksliberaler Journalisten und Medien, die sich via Social Media massenhaft auf Menschen stürzen, wird übrigens nicht kritisiert. Erinnert sich noch jemand an Justine Sacco? Wahrscheinlich eher nicht. Aber an ihren Tweet und was dann passierte erinnern sich viele. Bevor sie in einem Flieger nach ins Flugzeug stieg, twitterte sie „Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!“ Als Justine Sacco wieder aus dem Flugzeug ausstieg und ihr Smartphone anschaltete, waren die Erregungswellen schon sehr hochgeschlagen, sie war weltberühmt und ihren Job los. Die Bösen in dieser Posse sind aber nicht die im Mob, sondern Justine Sacco. War das ein dummer Tweet? Ja vielleicht. Anders gelesen, hätte er auch ironisch gemeint gewesen sein können. Aber egal, wie man ihn liest: hier war das Leben eines Menschen nicht auf Grund seiner Taten, sondern auf Grund eines Tweets zerstört worden. Über zweierlei Maß muss wohl nicht reden, wer sich moralisch auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt.

Schlecht über Hass zu sprechen passt aber auch einfach zu gut in die Apokalyptik unserer Zeit als dass Journalisten jetzt wieder damit aufhören könnten. Überall finden sie ihn! So schreibt der Schmierfink Peter Strasser in der NZZ:

„Hass durchflutet dieser Tage die westlichen Demokratien, schwappt aus dem «Netz» und verändert den Blick auf soziale Realitäten. Hass treibt die politischen Akteure an und vor sich her. Niemand weiss heute, ob dies der Anfang vom Ende des liberalen Rechtsstaats ist. Sicher scheint indessen, dass man sich ausführlicher mit den Erscheinungsformen des in Massengesellschaften massenhaft umlaufenden Hasses beschäftigen sollte. Denn in ihm wird eine Konstante der menschlichen Natur sichtbar, ohne deren Zähmung kein Gemeinschaftsleben denkbar ist.“

Die Entstehung des Faschismus wird hier zur niederträchtigen menschlichen Regung, der man nur mit Menschlichkeit und Liebe entgegen treten muss – wenn es nicht schon zu spät ist! Monokausaler geht’s kaum. In so einem Weltbild sind Hitler, Erdogan und Trump einfach nur Trolle, die durch ihren Hass an die Macht gekommen sind. So einfach kann man es nicht natürlich auch machen.

Und warum nicht auch mal gut über den Hass sprechen? Genau wie die Liebe nicht nur Gutes anrichtet (hat überhaupt jemand „Romeo und Julia“ gelesen oder schon einmal das Herz gebrochen bekommen?), ist doch auch Hass nichts per se Schlechtes. So schreibt Aram Lintzel ganz richtig in der taz über die „Produktivkraft Hass“:

„Ohne den „Hass der Sklaven auf den Sklavenhalter“, über den Ta-Nehisi Coates in seinem tollen Buch „Zwischen mir und der Welt“ an einer Stelle nachdenkt, hätte es kein „schwarzes Bewusstsein“ gegeben. Ohne den Hass auf die Bourgeoisie hätte es historische Avantgarden wie Surrealismus oder Situationismus nicht gegeben. Ohne Hass auf das (post-)nazistische Österreich wären Thomas Bernhards Hate-Speech-Romane nie geschrieben worden. Ohne Hass auf alles Mögliche wäre Punkrock nicht entstanden („I hate Pink Floyd“ stand auf Johnny Rottens legendärem T-Shirt).“

Und natürlich auch kein Hate Magazin!

*Uns ist klar, dass Hatespeech eigentlich zwei Worte sind. Aber es geht hier um die Argumentationen von Kartoffeln, da waren wir so frei das Wort auch einzukartoffeln.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.