Titelbild: Martin Petersen

WELCOME HOME

Belong anywhere. Die Tagline von AirBnB verspricht, dass dessen Nutzer überall auf der Welt zu Hause sein können. Berlin, Beirut, Beijing: AirBnB-Kunden bereisen diese Städte nicht mehr als Touristen sondern erwerben das Erlebnis des temporären Dazugehörens zu einem Ort. Dabei stellt sich das anywhere zunehmend als global homogenisierter Nicht-Ort dar. Egal wohin man reist, AirBnB war schon da und kodiert die ästhetische Erfahrung urbaner Räume als eine serielle Abfolge gut ausgeleuchtet fotografierter und mit minimalistischen Designklassikern eingerichteter Wohnungen in begehrten Bezirken mit den immer gleichen Craft Beer Pubs und Cold Brew Kaffee-Bars. Midcentury modern, subway tiles, Edison bulbs. Die postindustrielle Stadt romantisiert die Artefakte der industriellen Moderne.

Silicon Valley, Silicon Roundabout, Silicon Allee. Polyglotte junge Leute, die in einem Startup-Ökosystem zwischen Coworking Space und Fireside Chat die Apps von morgen entwerfen. Propagiert von den immer gleichen Consultancies verbreitet sich ein urbanes Imaginäres über den Globus, das postindustrielle Metropolen mit dem Versprechen auf Wirtschaftswachstum und Zukunftsfähigkeit als techno-kulturelle Innovationsräume zu organisieren sucht.

Dahinter spannt sich ein dichtes Geflecht aus Politiken, Programmen und Techniken auf, das den Stadtraum für die Realisierung spekulativer Verwertungsstrategien kolonisiert. Es besteht eine Komplizenschaft zwischen den ästhetischen Strategien des AirSpace, wie Kyle Chayka ihn nennt, und wohnungswirtschaftlichen Verdrängungseffekten, zwischen Entwertung und Prekarisierung der Lohnarbeit in der Gig Economy und der Verwertung privater Ressourcen in der Sharing Economy. Wenn’s mal nicht läuft mit der prekären Lohnarbeit, so die Idee der Sharing Economy, dann sollen halt private Ressourcen zu Geld gemacht werden.

Sicherlich verweist das englische Verb to belong auch auf die Gewalt von Privateigentum und Klassifikation: Dies gehört mir und nicht dir. Der gehört dorthin und nicht hierher. Neue Ausschlüsse und Enteignungen sind der Preis des Belong anywhere. Kulturelles Kapital hilft dabei, die geschmackssicher eingerichtete Wohnung auf AirBnB an Touristen zu vermieten. Auf den billigen Plätzen außerhalb des S-Bahn-Rings muss bleiben, wessen Habitus nicht der Ästhetik des AirSpace entspricht. Aber Mittelschichtspräferenzen für Interior Design garantieren noch lange nicht, zu den Gewinnern von Sharing Economy und Wohnraumspekulation zu gehören. Die Grenzen verlaufen nach wie vor nicht zwischen denen, die schon mal eine Ausgabe der 032c erstanden haben, und dem Rest, sondern zwischen oben und unten.

Motor sowohl der App-Ökonomie als auch der wohnungswirtschaftlichen Gentrifizierung ist die Ausbeutung der weitgehend unsichtbaren, unter- und unbezahlten Arbeit eben derjenigen Stadtbewohner, die vom Kapital an den Rand und in die Prekarität gedrängt werden. Urbane Pioniere und Künstler laden durch ihre kreative Arbeit bestimmte Stadviertel mit einem symbolischen Wert auf, der von der Wohnungswirtschaft so begierig wie kompensationslos als lukratives Lokalkolorit zum Verkauf hochpreisiger Immobilien angeeignet wird. Ohne Bezahlung generieren wir alle durch unser digitales Kommunikationsverhalten die Datenspuren, von deren Aneignung und Auswertung zu Marketingzwecken die App-Ökonomie lebt. Hinter den UX-optimierten Interfaces all der neuen Lieferdienste und Micro-Work-Plattformen der Gig Economy schuften Scheinselbständige mies bezahlt und auf eigenes Risiko für den Profit von Tech-Investoren und den Komfort derjenigen, die zu bequem sind, um sich den Artisanal Burger selbst von der nächsten Straßenecke zu holen. Über diese zugleich unerlässlichen wie unscheinbaren Formen von Arbeit schweigen sich die sonst so geschwätzige Tech-Branche und Immobilienwirtschaft aus.

Die Startup City zelebriert stattdessen die Arbeit des Unternehmers. Zum Mythos gehört, dass zur Würde des Entrepreneurship jeder Zugang fände, der eine gute Idee und Wi-fi hat. Dass diese Story über den meritokratischen Wettbewerb schlicht Bullshit ist, sollte angesichts der die Networking Dinner bevölkernden Monokultur teiggesichtiger Tech-Bros mit Business School-Abschlüssen mittlerweile noch dem letzten eingeleuchtet haben.

Unser Team wächst weiter! Say hello to Daniel, our new Product Manager 😊👋🙌

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Wer nach der vielgepriesenen ‘diversity’ der Startup City sucht, wird vielleicht in der Großbeerener Vorortödnis des Logistikzentrums von Zalando fündig, wo polnische Mindestlöhner die Versandmaschine des Online-Shoppings am Laufen halten oder beim Outsourcing-Dienstleister Arvato, wo sechshundert nicht gerade überbezahlte Leute mit einem Dutzend Nationalitäten im Schichtbetrieb traumatisierenden Gewalt- und Missbrauchscontent aus deinem Facebook-Newsfeed löschen. Ohne diese völlig unglamouröse Arbeit würde gar nichts funktionieren, doch sie bleibt in der Erzählung der Startup City unerwähnt. Diese Arbeit wird schweigend vorausgesetzt und nur dann sichtbar, wenn sie sich nicht reibungslos integriert; kurz: sie ist Infrastruktur.

#mulledwine and #christmas Spirit at the office @insidezalando

Ein von David (@livefromberlin) gepostetes Foto am

Es gilt, daneben auch die symbolische, kommunikative, affektive Arbeit, die bestimmte Orte als aufregend und begehrenswert auflädt, als eine städtische Infrastruktur sichtbar zu machen. Denn all die Projekträume, Wohnzimmeraustellungen, Ladenclubs, Performance Spaces, Off-Kinos und queeren Parties, also all diese eben nicht mit primärer Gewinnabsicht geleistete Kulturarbeit stellt ebenso eine infrastrukturelle Voraussetzung für die Startup City dar wie 5G-Mobilnetz und englischsprachige Bürgerämter. Die Wichtigkeit dieser großstädtischen Diversität und ständigen Neuerfindung kultureller Formen für den Standort Berlin sollte nicht unterschätzt werden, denn der Hype um die Tech-Innovation lebt vom geborgten Schein des Neuen, Jungen, Aufregenden. Dass Google seinen neuen Startup Campus ins Kreuzberger Umspannwerk bauen lässt ist ein Win-Win für Recruitment und Markenführung, denn die widerspenstige Aura des ehemaligen Postbezirks 36 gibt es als Beigabe zur Immobilie dazu. Schließlich ist die auf Effizienz getaktete Java-Frickelei und Growth Hacking-Verkaufe der App-Ökonomie für sich genommen wenig interessant. Sie kann überhaupt nur dann als zukunftsweisend dargestellt werden, wenn sie als Teil einer größeren kulturellen Innovationstätigkeit imaginiert wird, was sich stadträumlich eben in der Nachbarschaft zu Stätten von Kunst, Kultur und Nachtleben ausdrückt.

Dass diese kulturelle Infrastruktur bislang für wenig bis kein Geld hergestellt wird und ihre prekarisierten Produzenten weitgehend widerstandslos von der Immobilienwirtschaft vor sich hergetrieben werden können wird an Tech-Investoren als das Geschäftsklima fördernde Befriedung des Klassenkampfs verkauft: Eine dieser hohlköpfigen Beratungsklitschen ist sich tatsächlich nicht zu schade, neben dem breiten Kulturangebot als Berliner Standortfaktor zu preisen, dass hier Milliardär und Obdachloser im gleichen Café sitzen und überhaupt ganz friedlich nebeneinander her existieren könnten. Denn der Berliner sei in der Tendenz eher postmaterialistisch. Beste Voraussetzungen also für Venture Capitalists ohne Scham zu investieren, denn es lebe sich hier so schön ganz gleich ob mit oder ohne Geld. In der Tech-Hauptstadt San Francisco, wo man sich die Illusion nicht länger leisten kann, dass es zwischen dem Reichtum der einen und der Obdachlosigkeit der anderen keinen kausalen Zusammenhang gäbe, fliegen derweil Pflastersteine auf die klimatisierten Privatbusse mit denen Google seine Mitarbeiter ins Büro fahren lässt.

Im letzten Jahr bekamen die durchgestalteten Oberflächen der App-Ökonomie erste Kratzer. Regierungen in London, Barcelona, New York und Berlin weisen das Geschäftsmodell von AirBnB in die Schranken. Uber wird die Verantwortung für seine Arbeiter nicht länger per Fingerzeig auf ‘den Algorithmus’ von sich weisen können. Streiks der Deliveroo-Lieferfahrer in London und der Lieferfahrer in Mailand und Turin des Berliner Startups Foodora zeigen wie die neuen techno-sozialen Arbeitsverhältnisse in der digitalen Stadt strategisch gegen das Kapital gewendet werden können. Am gleichen Tag als das Londoner Essensliefer-Startup Deliveroo ein Millionen-Investment verkündete kürzte es den Fahrern per SMS die Vergütung. Die Fahrer traten in den wilden Streik, denn sie kannten sich. Deliveroo legt ein digitales Rasternetz über die Stadt, mithilfe dessen es die Fahrer lokal koordiniert. So treffen sie sich während Bestellflauten an Straßenecken und schaffen sich ein kollektives Bewusstsein um ihre beschissenen Arbeitsverhältnisse. Vernetzt durch Whatsapp kamen sie in großer Zahl zusammen, um vermummt und stinksauer die Straße vor dem Deliveroo-Hauptquartier zu blockieren. Schließlich wurde die Lohnkürzung zurück genommen. Die geographische Optimierung der Ein-Klick-Bedürfnisbefriedigung organisiert eine Räumlichkeit, die Deliveroo-Fahrer trotz aller mit Startup-Rhetorik verkleideten Scheinselbständigkeit als gemeinsamen Betriebsalltag erfahren und in die Stärke kollektiven Handelns verwandeln konnten.

Why you should support the #DeliverooStrike Freedom and flexibility: the new On-Demand platform economy. Drivers, couriers, cleaners and handymen are now at your beck and call thanks to a host of apps. But what’s it like to work for an On-Demand service? For scooter drivers and cyclists at Deliveroo “freedom and flexibility” means exploitation and exhaustion. And they’ve had enough of it. This week Deliveroo drivers organised a strike over changes to their pay. Currently drivers earn less than the London Living Wage at £7/hour + £1/delivery. But Deliveroo want to ditch the hourly rate, and move to zero hours contracts, where drivers would earn a mere £3.75/delivery. Many drivers already work 60 hours or more per week to make ends meet. Their employment contracts are already desperately precarious, offering no job security, no sick pay, no paid holidays and no guaranteed hours – the epitome of the deregulated workplace. The new terms could mean drivers work whole days for nothing. This strike represents a stand against this move to calculated and maximised exploitation. The strike started on Wednesday, as hundreds of drivers gathered outside the Deliveroo Head Office on Torrington Place, WC1. Drivers are striking for a fairer hourly rate at the London Living Wage of £9.40 plus petrol costs, plus tips, plus £1/per delivery. When drivers sought to negotiate, Deliveroo responded by sacking them. This is the true face of Deliveroo and of zero-hours contract Britain. But this strike could change everything. The Deliveroo strike continues, and they need our help. https://www.crowdpac.co.uk/campaigns/47/the-deliveroostrike

Ein von Housmans Bookshop (@housmans_books) gepostetes Foto am

Es regt sich also Widerstand im logistischen Netzwerk der Startup City. Die Formen kollektiver Kämpfe am symbolischen, affektiven und kommunikativen Ende ihrer Infrastruktur gilt es noch zu erfinden. Der Deliveroo-Streik zeigt, dass kollektives Handeln auf geteilten Erfahrungen aufruht; auch hilft ein gemeinsamer Gegner. Identitätspolitisches Hipster- und Schwabenbashing verlagern Klassenfragen auf Nebenschauplätze. Auch der R2G-Slogan “Wem gehört die Stadt?” kann Gefahr laufen, sozialdemokratischen Verteilungs- und Bewahrungsbürokratien einen rebellischen Anstrich zu geben. Dem wäre die Frage entgegen zu halten, wer die Stadt unter welchen Bedingungen überhaupt erst herstellt aber im öffentlichen Diskurs bestenfalls als zu schützendes Milieu vorkommt. Von feministischen Kämpfen ließe sich lernen, wie unbezahlte Reproduktionsarbeit offensiv sichtbar gemacht werden kann, um schließlich konkret zu untersuchen mit welchen semiotischen und räumlichen Strategien sich Immobilienwirtschaft und Tech-Industrie die immateriellen Produkte affektiver, symbolischer und kommunikativer Arbeit unbezahlt aneignen. Diese Strategien wiederum kollektiv zu unterlaufen und zu durchkreuzen dürfte für Arbeiter, die sich vornehmlich mit der Zirkulation, Befragung und Subversion von Zeichen und Affekten befassen, im Grunde nicht allzu schwierig sein.

 


 

hate präsentiert BELONG ANYWHERE


FREITAG // 28.01. // ab 18H // FREE
ACUD STUDIO // AIRBNB-APPARTMENT

Die Arbeiten der Ausstellung gehen der Frage nach dem Zusammenhang zwischen den ästhetischen Strategien des AirSpaces und den wohnungswirtschaftlichen Verdrängungseffekten der Sharing Economy nach. Aus unterschiedlichen künstlerischen Perspektiven sollen die Verflechtungen der Corporate Aesthetic der DIY Bourgeoisie mit der semantischen Sphäre des englischen Verbs to belong aufgezeigt werden, welche auch auf die Gewalt von Privateigentum und Klassifikation verweist: Dies gehört mir und nicht dir. Der gehört dorthin und nicht hierher. Die Ausstellung nähert sich den kodierten Attributen und den Funktionsweisen des sozialen, imaginären Raums an. Welcome Home.

 

Eröffnung am 28.01. in der AirBnB Wohnung 18–21 Uhr, im ACUD Studio ab 20H. Im Anschluss legen dort Marlene Stark und Elliver auf.

 

Öffnungszeiten 29.01.: 12-18 Uhr in der AirBnB-Wohnung. Die Adresse der Wohnung schicken wir euch. Bitte meldet Euch per Email an:
belonganywhereex@gmail.com

 

Kuratiert von Anna Gien, Nina Hollensteiner und Johannes Büttner

Es werden Arbeiten von folgenden Künstlern gezeigt:

 

Alexander Nowak

Ari Sariannidis
Ana Tabatadze
Anna Möller
Benedikte Bjerre
Brad Downey
Daniel Neubacher
Daniela Kneip Velescu
Felix Kultau
Florian Hesselbach
General Idea
Jens Franke
Jessica Mester
Johannes Büttner
Jörg Brinkmann
Joscha Schell
Katharina Marszewski
KUNSTrePUBLIK
Lars Karl Becker

Lennart Schweder
Life Sport
Lilly Lulay
Marina Pinsky
Marlene Stark

Marlene Rinne
Neïl Beloufa
Nina Hollensteiner
Paul Barsch/Tilman Hornig
Philipp Gufler
Raphaela Vogel
Schroeter und Berger
Sebastian Mayer
Stephan Janitzky
Sung Tieu
Thomas Hämén
Zoë Claire Miller feat. Ina Wudtke

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