Politik

Von der [Traum-]Insel in die Realität? – Kommentar zum Conne Island

Bild: Zigzagnation/Creative Commons/via

VON MARCUS ADLER

Ende der letzten Woche veröffentlichte das Conne Island ein Statement, das die Zunahme von sexuellen Übergriffen und sexistischen/homophoben Beleidigungen gegenüber FLTI* Personen auf hauseigenen Partys und Veranstaltungen fokussierte. Die Wahl des öffentlichen Mediums, mit der eine breitere Sensibilisierung und Auseinandersetzung mit sexistischen und homophoben Verhaltensmustern seitens vor allem männlicher Besucher_innen in Gruppen erreicht werden sollte, schlägt seitdem in das genaue Gegenteil um. Dies ist für die gewünschte und wichtige Debatte fatal. Wenn Verzweiflung auf Resignation trifft, sind zumeist der Irrationalität sämtliche Türen geöffnet. Anders lässt es sich auf dem ersten Blick nicht erklären, warum gleich zu Beginn im Kontext von sexistischem und homophobem Mackertum ein Verweis auf die sogenannte „Willkommenskultur“ erfolgt. Das diese ein Teil des Problems darstellt ist unbestritten. Jedoch auf eine andere Art und Weise, wie es im Statement ausgeführt wird. Das Plenum des Conne Island ist natürlich nicht dafür zu kritisieren, dass es die nicht zu tolerierenden Geschehnisse auf den letzten Parties und Veranstaltungen offensiv nach Außen trägt und sich dadurch Lösungsansätze erhofft, jedoch für die semantische Ebene, auf der die Aufarbeitung geschieht.

Das große Ärgernis an dem Statement liegt in der Konstruktion eines Skandals (Refugees/Migrant_innen aus dem „stark autoritär und patriarchal geprägten [Gesellschaften]“ überschreiten Grenzen im Bezug auf die sexuelle Selbstbestimmung von FLTI*s), der auf eine falsche Ebene fokussiert. Anstatt den Fokus allgemein auf sexistisches und homophobes Verhaltens seitens marodierender Mackergruppen zu legen, wird gleich zu Beginn des Statements durch den Verweis auf die sogenannte „Willkommenskultur“ eine Assoziationskette in Gang gesetzt, welche Wasser auf den Mühlen der rassistischen Reproduktionsmaschinen ist.

Die Kommentare auf Facebook unter dem Statement offenbaren die Problemlage: „Vielen Dank für euren Mut“, „Vielen Dank, dass ihr das Thema ansprecht“ und das obligatorische „Endlich [!] spricht es mal jemand aus“, so als sei die Thematisierung von Sexismus und Homophobie bei Refugees und Migrant_innen selbst innerhalb der Almanlinken ein Tabuthema. Insgesamt umgibt das gesamte Statement einen Schleier des Klandestinen, der solche Aufschreie seitens der Leser_innenschaft provoziert. Spätestens hier offenbart sich das bereits weiter oben im Text angesprochene Problem der sogenannten „Willkommenskultur“ und die damit einhergehende Konstruktion eines besonderen Subjekts – den Geflüchteten.

Bereits zu Beginn der 90er Jahre erfolgte eine kritische Bestandsaufnahme antirassistischer Theorieprogramme auf etwaige kulturalistische Tendenzen. Diese Debatten offenbarten die dialektische Beziehung von Rassismus und Antirassismus am Gegenstand des Multikulturalismus und des Ethnonationalismus der „Neuen Rechten“. Die Quintessenz der damals von Theoretiker_innen wie Stuart Hall, Pierre-André Taguieff und Nora Räthel geführten Debatten mündete in der Kritik eines philanthropisch/moralischen Antirassismus, der den Kern seiner eigenen Negation bereits enthält und somit die andere Seite der gleichen rassistischen Medaille darstellt. Dieser falsche Antirassismsus artikuliert sich u.a. auch in der sogenannten „Willkommenskultur“, egal ob diese nun affirmiert oder abgelehnt wird: Egal, was ein Refugee auch anstellt, sein Verhalten wird in der Subjektivierungsform totalisiert und auf seine (zumeist von Außen zugeschriebenen) „Kultur“ projiziert. Die Subsumierung von Verhalten unter einer als zumeist homogen gedachten Kultur erscheint dabei sehr fragwürdig und kommt einer Tautologie gleich: Vermeintlich kulturelles Verhalten wird aus der „Kultur“ heraus erklärt. Eine interessante Frage wäre doch in diesem Kontext: Wie erklärt sich das Conne-Island-Plenum dann Bedrohungsszenarien, die von einem als „nicht-migrantisch“ markierten Männermob ausgehen? Spielt dann auch die ominöse „westliche Kultur“ eine argumentative Rolle? Zu einem universellen Verständnis von Sexismus und Homophobie tragen solche Argumentationsmuster jedenfalls nicht bei.

Es dürfte keinen Zufall darstellen, dass ein nicht geringer Teil der damals sich an den Bahnhöfen, Grenzübergängen und provisorischen Erstaufnahme-Einrichtungen tätigen Willkommenskultur-Protagonist_innen ernüchternd äußern. Eine Ernüchterung, die keineswegs nur aufgrund der erfolgreichen rechten und rassistischen Massenmobilisierungen heraus erklärt werden kann.

Migrant_innen und Refugees nehmen gesellschaftlich häufig eine von Außen [!] zugeschriebene und instrumentelle Rolle und den dementsprechenden Erwartungen ein: Für das linksliberale Juste Millieu nehmen sie zumeist eine Rolle als „Gast“ ein, um den sich zwar des Anstands halber gekümmert werden muss, dafür aber nur begrenzt Ansprüche auf Partizipationsmöglichkeiten besitzt. Für Teile der radikalen Linken sind sie u.a. Projektionsfiguren für die derzeitigen oder kommenden sozialen Kämpfe. Und für die Rechte symbolisieren sie den gefährlichen „Fremden“, ein „deviantes“ Subjekt, welches eine Gefahr für den „deutschen“ Gesellschaftskörper darstellt. So sieht deutsche Arbeitsteilung aus. Was aber können für Schlussfolgerungen daraus gezogen werden?

1. Es sollte keine Überraschung darstellen, wenn Refugees sexistisches, antisemitisches oder homophobes Verhalten an den Tag legen. Der Skandal sollte in diesem Verhalten selber liegen, unabhängig davon, wer diese Verhaltensweisen ausübt. Wenn aber die Skandalisierung des Subjekts selber erfolgt, sollte dies wiederum als Skandal angesehen werden.

2. Antisemitismus/Sexismus/Homophobie etc. sind gesellschaftliche Macht- und Hierarchisierungsverhältnisse, die u.a. durch die bereits erörterte Konstruktion des „Anderen“ nicht nur produziert, sondern auch reproduziert werden. Da auch Refugees nicht außerhalb dieser Verhältnisse leben, produzieren und reproduzieren sie diese genau wie andere Menschen auch. Was soll also an dem Verhalten, was nun bei Parties und Veranstaltungen im Conne Island vermehrt aufgetreten ist, skandalös bzw „unnormal“ in dem Sinne sein, dass ein Verhalten mittels kulturalistischer Zuschreibungen erklärt wird und nicht aus den bestehenden Macht- und Hierarchisierungsverhältnissen heraus?

3. Der Kampf gegen Rassimus, Homophobie, Sexismus und Antisemitismus darf nicht nur auf einer abstrakt-idealistischen Ebene erfolgen. Es müssen reale Verhältnisse geschaffen werden, in denen Menschen keine Diskriminierung aufgrund ihrer geschlechtlichen Zuschreibung, sexuellen Präferenzen und/oder kulturalistischer Zuschreibungen ausgesetzt sind. Eine transparent und konsequent handelnde Security, gut geschultes und auf die möglichen Problemfelder sensibilisiertes Awareness-Personal inkl. Sprachmittler_innen als auch ein Publikum, welches beim Auftreten von oben genannten Verhaltensformen nicht kapituliert. Es gibt noch eine Menge Nachholbedarf in all diesen Punkten.

Ansonsten gilt, was Café Morgenland bereits 2003 zum Thema Antisemitismus bei Migrant_innen in
Die Auschwitz-Option schrieb und was auf die Themenfelder Sexismus und Homophobie erweitert werden kann:


“Es bleibt dabei: Antisemitismus ist kontextunabhängig (unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht) anzugreifen. Dies bedarf keiner Begründung – weder auf den Islam, noch auf die türkische, arabische oder sonst wie Herkunft. Wird dies und genau dies (Herkunft, Religion usw.) aber in den Mittelpunkt gestellt, oder gar zum Ausgangspunkt im Kampfe gegen den Antisemitismus gemacht, hat es nicht im Geringsten mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun, sondern dient ausschließlich als Vorwand und Legitimation zur Gestaltung von schäbigen linksdeutschen Pogromen.“

10 KOMMENTARE
Secu Rasista

in der Theorie gutgemeint, doch bleibt es für die Praxis/Realität der sich Clubs aber auch Bars gerade ausgesetzt sehen, zugespitzt, nur Luftschlösser. Es stoßen so viele, vor allem Linke Clubs, die bewusst keine rassistische Einlasspolitik fahren an ihre Grenzen. Der 03. Lösungspunkt ist fast schon blanker Hohn, aber zu verstehen, wenn man nicht weis wie die Raelität an einer dieser wenigen nicht rassistischen Türen gerade ist.

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@DDBalkanKonvoi

Das CI hat den Text veröffentlicht, also ist es auch verantwortlich für den Inhalt. Nun, wir nehmen das zur Kenntnis, dass dort jetzt Rassisten das Sagen haben.

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bea

Also ich habe die CI Stellingnahme sp verstanden, dass hier nicht nur auf Refugees, sondern auf das Anmachproblem als gesellschaftliches wieder verstärkt reagiert werden will.
Und auch bleiben sie nicht nur theoretisch, sondern überlegen mit Security Verstärkung und Änderung der Bezahlpolitik ganz praktisch wie man sich besser aufstellt.
Kann diese Kritik nicht nachvollziehen und freue mich aber über eine fruchtbringende Debatte.
Bea

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Mark

Intellinkes blabla …
Wo bleiben denn deine Gefühle du Autormann? Oder wurden die etwa gestohlen?

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senfdazu

Es stimmt selbstverständlich, daß es hierzulande grundsätzlich keiner Flüchtlinge für sexuelle Übergriffe bedarf. Ansonsten würde es ja nicht auch die tausenden und abertausenden „biodeutschen“ Täter geben.

Für den Mikrokosmos „linkes Zentrum“ gelten allerdings in der Praxis meist andere Maßstäbe als für die „Mehrheitsgesellschaft“. Auch wenn es selbstverständlich immer noch Täter gibt und geben kann, würde ich vermuten, daß die Anzahl von „zudringlichen“ Personen (im Regelfall: Männer) in sich bewußt „antisexistisch“ verstehenden Zusammenhängen zumindest deutlich geringer als im allgemeinen Durchschnitt sein dürfte.

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Hans

Das ist eine tolle Antwort! Danke Marcus Adler!

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Hans

Das ist eine tolle Antwort! Danke Marcus Adler!

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Marie Isidore

2. Satz: „vor allem männlicher Besucher_innen“; jmd, die die Texte auf schlechten Ausdruck überprüft gibt es wohl nicht? Aber es ist – wohl unfreiwillig – komisch, danke.

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