DIESDAS

Imagekampagne für eine Bananenrepublik – Säxit only!

Sachsen hat ein Image-Problem. Gebeutelt von PEGIDA, gestraft mit einer Polizei, die sich seit Jahren durch kaum verhohlene Nähe zu Rechtsextremen hervortut und dem rechten Mob am Tag der Deutschen Einheit öffentlich “Viel Erfolg“ wünscht, mit einem Innenminister in der Regierung, der mehr Skandale überstanden hat als George Michael und einem Verfassungsschutz, der jüngst einen Brandbrief an sämtliche Schulen schickte, in dem eindringlich davor gewarnt wurde, an einer antirassistischen Schülerdemonstration teilzunehmen. Und das ist nur ein kleiner Auszug der jüngsten Ereignisse.

Aber auch vor all diesen Vorkommnissen war Sachsen nicht bekannt als ein besonders gastfreundliches Fleckchen Erde. Was tut man also, wenn einem ein gewisser Ruf vorauseilt? Man engagiert eine PR-Agentur. Das Land Sachsen hat dies bereits vor einiger Zeit getan. Heraus kam die Kampagne “So geht Sächsisch“ bzw. „Simply Saxony“. Relativ unspektakulär, wenn man bedenkt dass sich großartige Wortspiele wie „Einfach Sächsy“ angeboten hätten. Naja. Der Plan der Landesregierung damals: Die Aktion sollte Touristen und Investoren aus der ganzen Welt anlocken, für wirtschaftlichen Aufwind sorgen und dem Freistaat einen frischen Look verpassen. Gesagt, getan. Das Problem war nur die Bevölkerung. Denn während die Anzeigen weltweit geschaltet wurden, braute sich Zuhause mal wieder eine Melange aus Fremdenhass und Wutbürgertum zusammen, die dem gewünschten Bild eindeutig widersprach. Statt über die Standortkampagne, berichtete man weltweit vermehrt über den ansteigenden Rassismus, der nicht mehr zu übersehen war. Dennoch wurden weiter Millionen in die Image-Aufpolierung gesteckt, bis die Opposition letztes Jahr auf die Barrikaden ging und forderte, die Kampagne zu überarbeiten oder das Geld sinnvoller zu verwenden. Folgerichtig wurde das Projekt erst einmal auf Eis gelegt, zu groß war offenbar der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Nur die CDU war eigentlich ganz zufrieden: „Ich habe selbst am Flughafen Charles de Gaulle diesen Slogan gesehen, natürlich auf Französisch“, freute sich der Abgeordnete Sebastian Fischer. Geil, Sebastian! Ein Kommunikationswissenschaftler stellte hingegen schon damals fest: “Man könnte schreiben ‚Auch so geht Sächsisch‘. In dem Moment wird man den Kritikern entgegenkommen und sagen ‚Okay, ihr habt Recht. Es ist nicht alles schön in Sachsen, so wie es die Kampagne darstellt.” Tolle Idee, das mit dem Entgegenkommen. Passiert ist wenig bis nichts.

Seit gestern Abend hat Sachsen mal wieder einen Skandal an der Backe. Der Terrorverdächtige Dschaber Al-Bakr wird erhängt in seiner Zelle gefunden. Vor der Festnahme hatten sich Zivilfahnder vor dem Haus des Verdächtigen bereits wie Elefanten im Porzellanladen benommen. Als der Mann das Haus verließ, konnte das SEK ihn nicht verfolgen, die Ausrüstung war zu schwer. LEL. Gestellt wurde Al-Bakr letztendlich von drei Syrern, die ihn der Polizei übergaben. Medien und Politik überbieten sich seitdem in tadelnden Superlativen für das Bundesland, von “Totalem Kontrollverlust“ (Seeheimer Kreis der SPD)

über “Tragödie“ (Talkshow-Inventar Wolfgang Bosbach) bis “Staatsversagen“ (Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt). Die Verantwortlichen verkünden daraufhin pflichtbewusst, sich live im TV erklären zu wollen. Gespannt sitzt man vor dem Fernseher und wartet auf die Pressekonferenz. Die Werbung rieselt vor sich hin, N24, der übliche Kram. Unicef, Börsen-App, Hitler-Doku. Und plötzlich ist die Kampagne wieder da. „So geht Sächsisch“ heißt es nun erneut, zwischen den Berichten über die Inkompetenz der Behörden in eben jenem Land. Etwas surreal flimmern die Szenen über den Bildschirm. Ist das jetzt schon der Sonderbericht?

Ein bemüht hipper DJ spricht davon, dass er oft gefragt werde, wie es denn in Sachsen so sei. Die meisten „hören ja nur hier und da irgendwelche Sachen in den Medien“. Ein erster, leichter Hauch von „Lügenpresse“ weht durch den Raum, wird aber abgeschüttelt. Keine falschen Vorurteile. Aber der DJ ist noch nicht fertig. Die Leute in Sachsen sind nämlich eigentlich „total offen und haben Bock auf das Kennenlernen von Kulturen“. Dass es diesen Teil der Bevölkerung sicherlich auch gibt – keine Frage. Die Sachsen generell als weltoffen darzustellen, grenzt allerdings an unfreiwillig komischen Realitätsverlust.

Aber wir sind immer noch nicht am Ende angelangt. „Es ist sehr, sehr oft falsch dargestellt“ (sic!), ergänzt der Diskjockey nun. Da ist er endlich, der eigentliche Vorwurf. Im Grunde ist alles dufte in Sachsen und wenn jemand ein Problem mit dem Freistaat hat, dann liegt das an der medialen Berichterstattung. So sieht sich der Sachsensumpf also selber. Ein kleines gallisches Dorf, umgeben von Lügnern und Invasoren. Dass übrigens sämtliche Protagonisten ebenjenes Werbespots weiß sind, erhöht den Wohlfühlfaktor wahrscheinlich ungemein. Man möchte sich kneifen, um sicher zu stellen dass man nicht träumt. Sind Zeitpunkt und Rahmen der Ausstrahlung jetzt Zufall oder Absicht? Wer hatte bitte die Idee, diesen komplett neu produzierten Spot während der medialen Dauerberieselungen über Behördenversagen, strukturellen Rassismus und unfähige Minister zu schalten? Der Säxit rückt näher.

Dann wieder die Pressekonferenz. Ein gewisser Rolf Jacob, Chef der JVA Leipzig, erklärt, dass man überlege in Zukunft einen Dolmetscher in der Anstalt zu beschäftigen. Gute Idee. Er beschreibt den Gefangenen, der kurz zuvor die Lampe in der Zelle demoliert und eine Steckdose manipuliert hatte, als „ruhig und zurückhaltend“. Vielleicht wirkte er ja so ruhig, weil erst mal kein Dolmetscher da war. Jacob erklärt, dass eine Auszubildende zuständig für die Kontrollgänge war und der Mann, der verdächtigt wurde, sich selber in die Luft sprengen zu wollen und sich im Hungerstreik befand, nicht als „suizidal gefährdet“ eingestuft wurde. So geht Sächsisch. Dann ist die Pressekonferenz vorbei. Erneut der Spot.

Ein sympathischer Streetartist tritt auf, dann eine „kölsche Frohnatur“, die sich in Sachsen sehr wohl fühlt. Sogar wohler als in Köln. Potzblitz, das will was heißen! Der Rat des Kommunikationswissenschaftlers wurde offenbar nur halbherzig befolgt. Statt die Probleme, die das Land ganz offenkundig hat, offen anzusprechen oder Problemlösungen zur erörtern (Heißer Tipp: ‚Bildung‘ ist da immer ein ganz gutes Stichwort), läuft jetzt der Traum eines jeden linksliberalen Soziologie-Studenten als sächsische Realität im TV. Der DJ versteht immer noch nicht was die anderen an Sachsen stört: „Viele haben ein total falsches Bild von den Leuten, die hier leben…“ sagt er, während der Spot visuell weiter das Bild vermittelt, Sachsen sei eine Mischung aus Kommune 1 und dem feuchten EDM-Traum „Tomorrowland“ „…bei meinen Events sind super viele DJ’s, die kommen von überall auf der Welt hierher und fühlen sich alle total wohl und aufgenommen.“ Groovy, Baby! Wenn sich die DJs mit ihrem Shuttle-Service und ihren Hotelzimmern wohl fühlen, dann gibt es doch auch keinen Grund für geflüchtete Menschen, sich in den sächsischen Turnhallen unwohl zu fühlen. In beiden Fällen steht schließlich ein grölender Mob vor den neuen „Gästen“, vollkommen aus dem Häuschen und bereit die Sau raus zu lassen.

So geht Image-Kampagne, so geht Sächsisch!

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