DIESDAS

Warum Eure Reisen und Instagrambilder die Pest des 21. Jahrhunderts sind

Bild: Christian Haugen, via Flickr (CC BY 2.0)

Ein Blick auf Facebook oder Instagram beweist: Thailand oder neuerdings Sri Lanka sind längst das neue Malle. Antiseptisch gefilterte Bilder vom weißen Traumstrand stehen sinnbildlich für die totale Gleichförmigkeit des vermeintlich individuellen Urlaubs. Robert Stark wird stinksauer, wenn er genauer über dieses Reiseverhalte nachdenkt:

Reisen in andere Länder war lange Zeit ein Privileg der Reichen, erst mit dem Aufkommen des Massentourismus änderte sich das. Kurz vor Beginn der Hauptreisezeit 1973 schrieb ein gewisser Rudolf Walter Leonhardt für die ZEIT einen Artikel für und gegen Auslandsreisen. Netterweise stellt er den Lesern sogar eine Pro/Contra-Liste zur Seite. Ziemlich einleuchtend stellt er fest:

1. Man lernt eine neue Welt kennen, und das erweitert den Horizont aufs erwünschteste.
2. Auch die Erholung kann zum Abenteuer werden, wenn sie verbunden wird mit der Notwendigkeit, fremde Sitten zu begreifen und fremde Sprachen zu verstehen.
3. Ansichtskarten aus dem Ausland machen Eindruck.
4. Es ist schick, ins Ausland zu fahren.
5. Man möchte doch wirklich manchmal raus aus diesem schrecklichen Land, weg von diesen schrecklichen Nachbarn (freilich: viele ferne Strände sind fest in den Händen der Deutschen).

Eigentlich ganz sympathisch, auch wenn Punkt 2 für die Bildungsbürger anno ’73 schwer als PRO-Argument her halten kann. Nichts hat sich geändert, nur ist alles ein bisschen schlimmer geworden. Ansichtskarten sind heuer Instagram-Posts. Chic ist es immer noch, nur noch gefragter. Fortdauernde Selbstoptimierung, „kulturelle Sensibilität“, Weltoffenheit machen sich heute noch besser in jedem Lebenslauf.

In Zeiten von Rohöl-Dumpingpreisen und Billigairlines kann sich nicht mehr nur die geschätzte ZEIT-Leserschaft sondern eine Mehrheit der europäischen Bevölkerung ab und an (oder häufiger) einen Ausflug in die Fremde leisten. Nur haben sich die Umstände verwandelt.

Die Metropolen Europas sind gleichförmiger geworden, erreichbarer und austauschbar gleich in ihren Innenstädten. Subway, Dior und H&M vom Prater bis zum Plaça de Cataluña. Wenn man sich bei einem kurzen Ausflug dann noch in den vermeintlich sicheren Touri-Gebieten aufhält, hätte man eigentlich auch gleich zu Hause bleiben können. 3 Tage Budapest, 2 Nächte in Oslo, Wochenendausflug nach Warschau: the grass is always greener on the other side of the fence. Und DU kannst es kaufen! Die Abenteuer sind Pelmeni, Fish & Chips und irgendwas anderes, was dann zwar scheiße schmeckt, aber immer noch für einen Facebook-Post reicht. Niemand reist um sich überwältigen zu lassen, zu zuhören, für den Erkenntnisgewinn, für die Einsicht oder für den Verlust von Heimeligkeit. Dagewesen sein, die Rubbelweltkarte in der Küche verliert wieder ein wenig Latex, die Erde ist dein Sammelalbum – gonna catch them all! Den Vogel schießt nun das Icon-Shirt ab. Sollte man sich, jung, dynamisch, weltoffen für einen lustigen, armutsvoyeuristischen Abstecher in fernere Gefilde durchringen, muss man nicht mal mehr die kleine Mühe aufbringen wenigstens 15 Worte der jeweiligen Landessprachen zu lernen:

Ein von ICONSPEAK (@iconspeak) gepostetes Foto am

Die örtliche Bevölkerung wird zum Infoschalter für die Reisenden. FjällRäven-Rucksack, Kreditkarte im Badeschlüpfer, „Hey Kim, zeig auf meine Nippel – YOLO!“ Die Reisebegleitung sind das Smartphone, der LonelyPlanet und vorherige, tagelange Recherche, die jede wirkliche Begegnung, Spontanität oder Erfahrung aufbereiten und vorweggenommen haben, bevor sie überhaupt hätten entstehen können.

Die Dummheit der Reisenden wird nur von ihrer Ignoranz und Unhöflichkeit übertroffen. Hold on – Here I am! Wer sich trampelnd, lärmend und nervtötend durch fremde Länder bewegt, ist nicht weltoffen und nicht alternativ, sondern halt einfach kacke. Verwunderung über vermeintlich einheimische Reserviertheit, überzogene Preise und die langweiligen Erlebnisparks City-Center sind Ausdruck der eigenen Unfähigkeit zu begreifen, dass, wenn man sich als lebendiger Dollarsack bewegt, auch als solcher behandelt wird.

5 KOMMENTARE
shakaijiyushugi

dieses „problem“ ist doch schon länger bekannt. was genau wäre die alternative? sollen wir jetzt noch mehr stunden mit recherche verbringen, um coolere orte zu finden? wenn skandinavien und sri lanka das neue malle sind, führt die beschwerde des autors nicht am ende nur dazu, dass das ein neues urlaubsziel das „neue skandinavien und sri lanka“ wird? ist so ein prozess überhaupt aufzuhalten? wenn man bedenkt, wie viele chinesische toursiten heutzutage den selfiestick nicht mehr aus der hand legen, dann fragt man sich, ob es sich überhaupt noch lohnt, sich darüber aufzuregen.

ANTWORTEN
Jakob

Finde den Beitrag ziemlich destruktiv und widersprüchlich. Auf der einen Seite soll man vorher nicht mehr lesen, sich aber auf der anderen an Kultur und Menschen anpassen?! Ich finde es immer noch besser, wenn Menschen reisen und sich so ein Bild über andere Kulturen und Lebensarten/-einstellungen machen, als wenn sie es eben nicht tuen. Wichtig ist doch dabei, dass man sich eben als Gast im anderen Land verhält und nicht als Kunde (König), nur weil man das nötige Kleingeld hat.
Das der Massentourismus nervt finde ich auch, doch wäre er erträglicher, wenn die Menschen einfach bewusster handeln würden. In Bangkok zum Beispiel findet man (so gut wie) kein Taxi mehr das auf Meter fährt. Lieber mal an einer Garküche essen, anstatt für die Pizza das gleiche Geld wie zuhause zu bezahlen und damit die „Gentrifizierung“ voranzutreiben.

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Tubies

Seit wann sind eigentlich Arroganz & Ignoranz Eigenschaften, auf die man stolz sein kann?

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Markus

Welt ohne Außen halt.

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