Politik

Holocaust mit Soljanka – Ein Ausflug in die ostdeutsche Verschwörungszene

Ein Erlebnisbericht von René Seyfarth

Er wollte nur ein Baugerüst organisieren, um die Fassade seines Eckhauses im ostthüringischen Altenburg zu sanieren. Für einen Privatmann in der DDR ein Ding der Unmöglichkeit, doch der findige ehemalige Angehörige der Handelsmarine wusste sich zu helfen und setzte ein Schreiben nach Bonn auf: Gibt es einen Gerüstbauer in Hessen oder Franken, welcher ihm ein solches zur Verfügung stellen könne? Im Gegenzug für die Bereitstellung eines solchen Gerüsts würde er nicht nur sein Restaurant Zur Deutschen Einheit nennen, sondern auch bei ebenjenem Gerüstbauer entgeltfrei arbeiten, bis seine Schuld beglichen sei. Was nämlich gar nicht gehe sei die Schuldknechtschaft durch Bankkredite. Sein Schreiben fand jedoch keinen positiven Zuspruch. Ganz im Gegenteil wird er seitdem von US-amerikanischen Behörden überwacht, da sein System der gegenseitigen Leistung statt der Nutzung von Geldgeschäften den internationalen Finanzkapitalismus zum Kollaps zu bringen droht. Mit dieser Anekdote über den Widerstandsgeist, welcher ihm von seiner sozialdemokratisch geprägten Familie aus Pfarrern und Handwerkern in die Wiege gelegt sei, beginnt der Erlebnisgastronom Jürgen Lange die Führung durch seine seit Januar eröffnete Dauerausstellung „2000 Jahre – Des deutschen Volkes Leidensweg“.

Detailreich spricht er davon, wie er Baumaterialien beim Abbruch von Gebäuden sicherte und für seine kleine Mittelalterwelt recycelte, jedoch nicht, ohne auf neueste Sicherheitsstandards zu verzichten: Alle Außenwände und Dächer seien mit Kupferdraht versehen, um die Strahlung von technischen Geräten abzublocken; selbstironisch verweist er darauf, dass er von jüngeren Menschen der Aluhutfraktion zugerechnet werde.

Das Event-Universum hat viele Facetten: Badegelage, „satirische“ Ostalgieabende, eine Mutter-Erde-Kapelle für heidnische Hochzeiten und schamanische Rituale, Knochenkegeln, deftiges Luther-Fressen, „verbotene“ Physik….

Lange ist ein vielseitig interessierter Mann, der von Arminius bis zum Zinssystem die Welt und den Kosmos im Ganzen verstanden hat, was er auch konsequent im eigenen Leben zur Anwendung bringt. Allerdings muss er einräumen, dass dies unter heutigen Umständen schwierig sei, denn nur beispielsweise habe auch er keine Wahl als mit einem Dieselmotor mobil zu sein und damit einen Kraftstoff zu nutzen, welcher dem Schoß unseres Heimatplaneten entrissen wurde. Dabei gäbe es alternative Energien, welche Implosion statt Explosion nutzen und die lästigen Hauptsätze der Thermodynamik könnten überwunden werden, wie Magnetmotoren und sich ewig drehende Räder belegen würden. Die Exponate seien zwar leider nicht funktionsfähig, das Prinzip aber mittlerweile unumstritten – das könne man sich schließlich alles auch bei YouTube anschauen. Brennendes Wasser sei auch der Kraftstoff für die Antriebe von in Kiel gefertigten U-Booten, welche die Bundesregierung Israel schenke, wobei es zutiefst undemokratisch sei, dass man ebenjenes Antriebssystem vor dem eigenen Volk um der Profitgier der Öl- und Energiekonzerne Willen verberge.

Glanzpunkt der Ausstellung sind aber nicht Amethyst-Vulva und Bergkristallpenis, sondern ein langgestreckter Raum, welcher nun wirklich den Leidensweg des Deutschen Volkes seit der Fremdherrschaft durch die Römer exemplarisch dokumentiert. Ein buntes Sammelsurium aus historischen Stichen, Faksimiles und Kopien, Modellen, Büchern und Originalen ist in und um professionell ausgeleuchtete Vitrinen gruppiert. Hierbei geht es – so betont er immer wieder – ausschließlich um den Leidensweg der Deutschen, schließlich heiße die Ausstellung nun mal so. Und obwohl sich dieser Leidensweg auf gut 30 Quadratmetern nachzeichnen lässt, hat kaum ein Volk mehr gelitten als das Deutsche.

Dabei hatte bereits Jesus mit den stolzen Germanen, wie in einem verheimlichten Bibelfragment nachzulesen sei, ganz andere Pläne, denn sie seien das „fruchtbringende“ Volk. Niemand geringeres als Goethe griff diesen Gedanken wieder auf, als er den Spruch „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ prägte. Dass es nicht Goethe war, sondern Emanuel Geibel, der auch „mag“ und nicht „soll“ schrieb, ist dabei ebenso kleingeistige Krümelkackerei wie die Opferzahlen des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust jenseits der deutschen Bevölkerung. Wobei man wissen müsse, dass Hitler ein zionistischer Schläfer in britischen Diensten war, welcher als Agent Provocateur den Krieg für Großbritannien begann – so wie auch Angela Merkel eine Schläferin ist, die im letzten Jahr aktiviert wurde, um die ehrliche deutsche Bevölkerung erneut in den Untergang zu führen. Jeder, der sich ein bisschen mit Psychologie auskenne, könne das sehen.

Tausendsassa Lange ist in der Ausstellung nicht nur Führer, sondern selbst Betroffener und Opfer, was ihn auratisch auflädt und zum wichtigsten Exponat macht. Seine mit Zwillingen schwangere Mutter wurde, wie fast alle Deutschen, nach dem 2. Weltkrieg einer alliierten Psychomanipulation unterzogen und trieb in diesem fremdgesteuerten Selbstvernichtungswahn seine Zwillingsschwester ab. Damit sei er auch ein Holocaustüberlebender, denn nichts geringeres als ein Holocaust sei diese gezielte Auslöschung des deutschen Volkes gewesen, die bereits in den Gebärmüttern gehirngewaschener deutscher Frauen ansetzte. Dies versichert Lange auch auf Nachfrage als unbestreitbaren historischen Fakt.

Gefangen im faradayschen Käfig seiner Kupferdrähte und einer dualistischen Weltordnung aus Gut und Böse, Mann und Frau, wahr und falsch, lebt der Wirt des Wettiner Hofs gut geschützt vor den Blitzschlägen intellektueller Einsicht durch Quellenvielfalt oder gar Skepsis. Es sei schließlich alles überprüfbar und nachzulesen – bei YouTube, Google, den (mit Emphase: nicht verbotenen!) Büchern aus den Verlagen Kopp und Co. und nicht zuletzt würden ihn auch die eigenen Erfahrungen und der gesunde Menschenverstand in allem bestätigen. Es könne schließlich kein Zufall sein, wenn bereits die amerikanischen Ureinwohner Chemtrails als Zeichen des Weltendes voraussagten. Wenn im 15. Jahrhundert Luther und die Bundschuhbewegung die Juden als Wurzel allen Übels identifizierten, dann muss es sich dabei um eine alte Weisheit handeln, an die man heute anknüpfen sollte.

Wenn Himmler und Neonazis das Zeichen der „Schwarzen Sonne“ verwenden, so sei es noch lange kein Nazisymbol, sondern ein machtvolles und uraltes Zeichen, welches für die Göttlichkeit des Menschen stehe (oder so ähnlich; der Verfasser dieses Berichts suchte während der weitschweifigen Ausführungen immer mal wieder das innere Asyl auf).

Bei alldem und noch vielen Kuriositäten mehr ist es nicht weiter überraschend, sondern nur konsequent, dass er sich auch zum Reichsbürgertum bekennt (Memo an die Zukunft: Friedensverträge immer auch „Friedensvertrag“ nennen) und an eine innere Alchemie glaubt, die verspannte eiserne Gedanken in Gold zu verwandeln in der Lage ist.

Es ist ganz im klassischen Sinne des Wortes eine Wunderkammer der Verschwörungstheorien, Esoterik und des Geschichtsrevisionismus, eine Paralleluniversum im Zeichen des Gaga. Die Schulen im Landkreis sind bereits angeschrieben, dass auch die Schülerinnen und Schüler statt der verordneten Gehirnwäsche zur Wahrheit und Eigentlichkeit finden könnten. Selbstverständlich könne man nach dem geistigen Erwachen auch noch eine Schüssel Soljanka im angeschlossenen Restaurant genießen.


Dieser Artikel von René Seyfarth ist ebenfalls bei unseren Freunden vom Kreuzer erschienen.

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