Bild: Flickr/Creative Commons/via http://bit.ly/1XrEO2v

Die Computer nehmen uns die Arbeit weg: Schon seit einigen Jahren formiert sich ein Elitendiskurs über eine neue Welle der Automatisierung durch Künstliche Intelligenz und Robotik. Die Protagonisten dieser Erzählung sind selbstfahrende Autos, autonome Roboter und intelligente Software, die in Kürze ganze Branchen umkrempeln und, wie zuletzt im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos diskutiert, Millionen von Jobs überflüssig machen werden.

8197548940_5500bfb2a9_k
Bild: Flickr/Creative Commons/via http://bit.ly/1Th0ihZ

 

Wenn eine Partei die Arbeit im Namen trägt, dann wird sie sich zu dieser angekündigten radikalen Veränderung der Arbeitswelt verhalten müssen. Also lud die britische Labour-Partei zur Diskussion einer progressiven Perspektive auf „Technology and the Future World of Work“ in den Westminster Palace. John McDonnell, Schatzkanzler im Schattenkabinett und nach eigenem Bekunden „physically sick“ ob der neoliberalen Platitüden der konservativen Regierung, ist auf der Suche nach frischen ökonomischen Ideen. Diese sollten Nick Srnicek und Daniel Susskind liefern, ersterer Co-Autor eines Manifests über Linke und Technik („Inventing the Future: Postcapitalism and a World Without Work„, erschienen bei Verso Books), letzterer Wirtschaftswissenschaftler am Balliol College in Oxford. Das Publikum im holzvertäfelten Sitzungssaal war entweder sehr jung oder schon deutlich jenseits der Lebensmitte und reflektierte so die neue Demographie der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn, deren noch unsichere Suchbewegung nach einer post-neoliberalen Identität zwischen Rückbesinnung auf arbeiterbewegte Tradition und twittertrunkener Aufbruchsstimmung schwankt.

Null-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich

Im Gegensatz zur Automatisierung während der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, so Susskind und Srnicek unisono, erleben wir derzeit die Automatisierung auch nicht-routinisierter, kognitiver Tätigkeiten: Bedroht von Robotik und künstlicher Intelligenz sind nicht mehr nur die Arbeitsplätze der Fabrikarbeiter sondern zunehmend auch die der Wissensarbeiter. Am Endpunkt dieser Entwicklung sei eine technologische Massenarbeitslosigkeit abzusehen, die mit den üblichen Mitteln der Fort-und Weiterbildung nicht mehr in den Griff zu bekommen ist.

Für den Politikwissenschaftler Srnicek allerdings ist Automatisierung keine Bedrohung sondern ein Versprechen: Progressive Regierungen sollten die Früchte der Automatisierung umverteilen und die Arbeitswoche radikal verkürzen, ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen und schließlich einen grundlegenden kulturellen Wandel weg von der Vergötzung der Lohnarbeit hin zum Lob der Faulheit fördern. „Fully Automated Luxury Communism„, wie ein Zwischenruf aus dem Publikum amüsiert bemerkte, ist der Horizont dieser Fortschrittserzählung.

Zunächst hört sich das alles ganz charmant an. Wer will denn nicht am Montagmorgen den Wecker samt Chef zur Hölle schicken und anstatt sich ins Büro zu schleppen den Haushaltsroboter das Frühstück servieren lassen? Altgediente Marxisten erkennen hier vielleicht sogar den Fortschritt der Produktivkräfte wieder, der, aus den Fesseln kapitalistischer Verhältnisse befreit, die materiellen Grundlagen für den Kommunismus herbeiproduziert.

6170567978_89e825f7ba_b
Bild: Flickr/Creative Commons/via http://bit.ly/1Th0ihZ

Insbesondere für die britische Linke muss diese erneute Bejahung von Fortschritt und Technik attraktiv klingen. In seinem nunmehr sechsten Jahr hat das Cameron-Regime eine selbst für britische Verhältnisse unerträglich beengende Alltagskultur hervorgebracht, die sich zwischen Jamie Olivers „Ministry of Food“ und „Keep Calm And Carry On“-Teetassen in einer rückwärtsgewandten Verkitschung der sparsamen Häuslichkeit der Weltkriegsjahre einrichtet. „Austeritätsnostalgie“ nennt der Architekturkritiker Owen Hatherley diese Engführung der Zukunftserwartungen auf zu überstehende schwierige Zeiten. Dagegen formiert sich derzeit ein linkes Projekt radikaler Modernität, das im technischen Fortschritt das Potential für eine progressive Zukunftserzählung entdeckt. Intellektuelle wie Jeremy Gilbert stellen sich bereits eine neue Koalition der Startup-Unternehmer mit den Prekarisierten vor, die sich für eine „post-work future“ vernetzen sollen.

Beschränkte Experten

Der Teufel steckt allerdings im Detail konkreter Automatisierungsvorhaben, die eben nicht ausschließlich technisch, sondern immer schon sozio-technische Projekte sind. Das wurde am Vortrag von Daniel Susskind deutlich, der atemlos eine Zukunft heraufbeschwor, in der auch hoch qualifizierte Berufe wie Anwältin, Ärztin und Professorin durch Online-Angebote wie LegalZoom, WebMD und edX ersetzt werden. Susskind setzt große Hoffnung in die Demokratisierung des Zugangs zum Spezialwissen von Experten durch Expertensysteme und das Internet. Begeistert berichtete er von einem kostenlosen Harvard-Kurs, den er über edX.org besucht hatte, und spekulierte darauf, dass in Zukunft die bislang hochbezahlte Arbeit von Experten wie etwa Harvard-Professoren für jeden erschwinglich, weil von Maschinen erbracht werden würde, die nicht nur mehr sondern auch besseres leisten könnten als Menschen.

Im Falle der Online-Kurse verwechselt der Ökonom Susskind jedoch Effizienz mit Effektivität. Es mag effizient und beeindruckend skalierbar sein, Studierende daheim eine aufgezeichnete Harvard-Vorlesung am Laptop anschauen und ihre Essays von einem Sprachverarbeitungsalgorithmus benoten zu lassen. Effektiv ist es kaum. Denn die Datenlage zu Online-Kursen ist alles andere als vielversprechend: Die Abbruchraten sind astronomisch. Ergebnisse sind sogar noch mehr von Geschlecht, Herkunft und Klasse beeinflusst als in traditionellen Settings. Und den meisten Nutzen aus Online-Bildungsangeboten ziehen diejenigen, die bereits einen Abschluss in der Tasche und mithin das Lernen schon gelernt haben.

Was hier letztlich auf dem Spiel steht, ist die Frage, was eine Gesellschaft unter Bildung versteht: Entweder den Einbahnstraßentransfer maschinell abprüfbarer Fakten oder eine diskursive Entwicklung nicht nur geteilter Wissensbestände, sondern auch kritischer Fähigkeiten, deren Training wiederum viel Zeit und die Mühe persönlicher Zuwendung kostet. Ob solche Angebote wie edX also die Arbeit menschlicher Dozenten ersetzen werden, hängt davon ab, inwiefern wir bereit sind, eingedenk begrenzter technischer Kapazitäten unsere Ansprüche an das, was Bildung leisten soll, zu senken. Experimente mit der automatisierten Benotung von Essays etwa zeigen, dass ein Algorithmus vielleicht die Regelhaftigkeit der Grammatik und den Umfang des Wortschatzes kalkulieren kann. Den Inhalt des Essays versteht er jedoch nicht. Ob und wie Maschinen jemals die Bedeutung eines Textes erfassen können, ist in der Informatik selbst umstritten und schon die Frage danach steckt voller metaphysischer Mucken.

 

5096787285_ca9f613ec4_b
Bild: Flickr/Creative Commons/via http://bit.ly/243IdsO

An dieser Stelle sind auch Zweifel an der Hoffnung angebracht, die Susskind in die Automatisierung von Expertise in sogenannten Expertensystemen setzt. Dieses gar nicht so neue Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz simuliert die Entscheidungsprozesse von Experten wie Ärzten, Anwälten oder Ingenieuren indem es deren Wissensbasis und Entscheidungsregeln formalisiert. Im Alltag tauchen Expertensysteme bisher neben ziemlich simpel gestrickten Apps wie Apple’s Siri vor allem in der Automatisierung von relativ einfach formalisierbaren betriebswirtschaftlichen Prozessen auf. Ein wohlbekanntes, wiewohl in Susskinds Vortrag unterschlagenes, Problem von Expertensystemen besteht darin, inwiefern sich das, was Experten so wissen und tun, überhaupt erschöpfend in einer formalen Repräsentation abbilden lässt. Bislang waren die Resultate denn auch eher gemischt. Erfolge feiert derartige Software nicht im gänzlichen Ersetzen von Ärzten, Anwälten und Ingenieuren, sondern in der Unterstützung ihrer Arbeit, was allerdings ganz eigene dornige Probleme in Sachen Verantwortung und Berufsethik mit sich bringt.

Hinter dem technikoptimistischen Ruf nach der Demokratisierung des Zugangs zu professionellen Dienstleistungen durch deren Automatisierung zeichnet sich ein Zukunftsszenario ab, in dem sich Wohlhabende das Privileg leisten, Lehrer zu bezahlen, die tatsächlich lehren, Anwälte und Steuerberater, die das Recht nicht nur anwenden sondern ihren Klienten zu Nutze machen sowie Ärzte und Krankenpfleger, die sich um ihre Patienten sorgen anstatt sie nur zu versorgen. Die ungewaschenen Massen werden derweil mit billigen Apps abgespeist. Der Universitätslehrer Susskind müsste das eigentlich am besten wissen. Denn sein Arbeitgeber rühmt sich mit einer Lehre, in der auf einen Dozenten etwa drei Studierende kommen. Diese hocheffektive Ineffizienz ist einer der Hauptgründe weshalb wohlhabende Familien ihre Söhne und Töchter zum Studium an die nicht ganz billige Universität Oxford schicken.

VEB Uber oder demokratisches Design

Letztlich geht auch Nick Srnicek der Elitenfuturologie vom Ende der Arbeit auf den Leim, wenn er von einer linken Aneignung des Automatisierungsdiskurses und seiner Technologien spricht. Zugespitzt: Was aus Silicon Valley kommt, habe fortschrittliches Potential – man müsste es nur fahnenrot lackieren. Wohin diese Denkweise führt, wurde anhand der in den Raum geworfenen Forderung deutlich, man könne doch anstatt der Wiederverstaatlichung der Eisenbahn – eine angesichts absurd überteuerter Ticketpreise populäre, sinnvolle und durchsetzbare Forderung der britischen Linken – einfach Uber mitsamt selbstfahrender Google-Autos verstaatlichen. Es ist abzusehen, dass derlei Omnipotenzphantasien zu kaum mehr befähigen als der spekulativ getriebenen Disruption ganzer Lebens- und Arbeitsbereiche hilflos hinterher zu laufen.

Stattdessen müsste eine linke Antwort auf die Automatisierungsfrage die Produktion von Technologien selbst als sozialen Prozess begreifen, den es zu demokratisieren gilt. Im Handgemenge konkreter Arbeitskämpfe würde dann auch schnell deutlich werden, dass uns die Arbeit so bald nicht ausgeht. Vom Elitendiskurs über autonome Maschinen werden Tausende oft mies bezahlter menschlicher Arbeiter unsichtbar gemacht, die Machine-Learning-Algorithmen trainieren, Daten digitalisieren und Datensätze labeln, Content moderieren und Industrieroboter warten. Es mag einer feministischen Sensibilität für die Entwertung häuslicher Reproduktionsarbeit geschuldet sein, dass die Informatikerin und Soziologin Lilly Irani darauf besteht, diese immense Arbeit stetiger Automatenpflege nicht als lästigen Zwischenschritt vor einer vollständigen Abschaffung der Arbeit, sondern vielmehr als Bedingung dafür zu verstehen, dass Maschinen und Menschen überhaupt in der gleichen Welt koexistieren können.

Das Design von Robotik und Künstlicher Intelligenz selbst als politische Gestaltungsaufgabe zu perspektivieren würde auch heißen, die Black Box aufzuschrauben und sich einmal genau anzuschauen, wessen Werten und Wissensbeständen in diesen Technologien eigentlich Form gegeben wird und wer außen vor bleibt. Es ist kurios, dass Srnicek, in dessen Buch ein durchaus inspirierendes Kapitel über soziotechnische Hegemonie eben die theoretischen Ressourcen aus der kritischen Technikforschung ausbreitet, die für eine solche Untersuchung notwendig wären, es versäumt, den Automatisierungsdiskurs selbst kritisch zu analysieren. Ein Blick auf die Methodik der auch von Srnicek als zentrales Beweisstück zitierten Oxford-Studie zum Automatisierungsrisiko hätte etwa deutlich werden lassen, dass hier eine tayloristische Management-Perspektive eingenommen wird, die den Arbeitsprozess in technisch zu optimierende Einzelaufgaben zerlegt ohne die Arbeiter selbst zu Wort kommen zu lassen, denen aufgrund ihrer gelebten Erfahrung eine wichtige Einsicht in die Erfordernisse ihrer Tätigkeit zugetraut werden darf. Stattdessen Arbeiter selbst zu fragen, wie und mit welchen Technologien sie arbeiten wollen, wäre ein erster Schritt, um die Entscheidung darüber, in welchen technischen Umwelten wir gemeinsam leben und arbeiten, endlich kollektiv und demokratisch zu treffen anstatt sie den Milliardären zu überlassen.

Helge Peters promoviert an der Universität Oxford über agentenbasierte Modelle in der Umweltgovernance.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.