Politik

Das Lower Class Magazine berichtet aus Kurdistan: „Es gibt in Deutschland immer noch wenig Bewusstsein darüber, wie schlimm die Situation hier gerade ist.“

Foto: O-Young Kwon | aboutideas.net

Die Lage in den kurdischen Gebieten ist verwirrend und der interessierte Beobachter fragt sich oftmals: Ist das jetzt in Syrien oder in der Türkei? Was bedeutet das Verhängen einer Ausgangssperre in der Realität? Wie ist die PKK einzuschätzen?

Da die Freunde und Kollegen vom Lower Class Magazine zur Zeit zusammen mit dem Fotografen O-Young Kwon (aboutideas.net) vor Ort sind, haben wir die Gelegenheit genutzt und telefonisch nachgefragt.

HATE: Ihr seid jetzt seit über einer Woche in Kurdistan. Wie ist die Situation vor Ort?

Lower Class Magazine: Noch schlechter als wir erwartet hätten. Der Krieg hier wird ohne Rücksichtnahme geführt und er dehnt sich auf die gesamte kurdische Gesellschaft aus. Die kurdischen Städte sind de facto militärisch besetzt.

HATE: Wo seid Ihr jetzt gerade genau?

Lower Class Magazine: Wir sind in Diyarbakir und dort im Stadtteil Sur.

HATE: Man liest in der Zeitung immer von den Ausgangssperren. Welche Städte sind aktuell in Kurdistan davon betroffen?

Lower Class Magazine: Von Ausgangssperren sind fast immer die Städte betroffen, die Hochburgen des kurdischen Widerstand sind. Hier in Diyarbakir ist das Viertel Sur unter Ausgangssperre. Sur besteht aus vier Nachbarschaften; zwei sind davon betroffen, die anderen beiden nicht. Außerhalb von Diyarbakir ist derzeit Cizre unter Ausgangssperre. In anderen Städten wie Sirnak und Nusaybin wechselt das aktuell immer wieder. Das heißt aber nicht, dass es keine Gefechte gibt.

Foto: O-Young Kwon | aboutideas.net

HATE: Was bedeutet so eine Ausgangssperre für die Menschen, die davon betroffen sind?

Lower Class Magazine: Diese Viertel oder Städte werden mit Befestigungsanlagen, Panzern und Soldaten hermetisch abgeriegelt. Dann schiesst die türkische Armee von außen so lange mit Artillerie bist große Teile zerstört sind. Innerhalb der eingesperrten Zone haben die Menschen keinen Zugang zu Wasser, Strom und Nahrung. Es muss dort unglaublich schlimm aussehen. Die Häuser sind kaputt, das ganze Leben ist zum Stillstand gekommen. Es herrscht Krieg.

HATE: Konntet Ihr Euch selber ein Bild davon machen, wie es dort aussieht?

Lower Class Magazine: Nein. Da kommt niemand rein. Weder Journalisten noch humanitäre Hilfe. Aber wir treffen immer wieder Flüchtlinge und sprechen mit denen.

HATE: Könnt Ihr Euch als Journalisten sonst frei bewegen?

Lower Class Magazine: Nicht wirklich. Wir werden immer wieder angehalten, kontrolliert und bedroht. Alles was dem türkischen Staat verdächtig erscheint, wird als Terror bezeichnet. Wenn Du kein Polizist, Soldat oder Angestellter einer staatlichen Medienagentur bist, wirst du als potentieller Terrorist angesehen.

Foto: O-Young Kwon | aboutideas.net

HATE: Trefft Ihr denn andere Journalisten?

Lower Class Magazine: Ausländische Presse ist quasi komplett abwesend. Wir treffen nur kurdische Kollegen, die versuchen eine Öffentlichkeit für das zu schaffen, was hier passiert.

HATE: Wieso ist die Lage so schnell eskaliert? Vor kurzem haben die Kurden und der türkische Staat doch noch verhandelt?

Lower Class Magazine: Der Verhandlungsprozess ist 2013 losgegangen und war seitdem eigentlich komplett einseitig. Der kurdischen Bewegung wurden keine Zugeständnisse gemacht und wenn doch mal welche gemacht wurden, waren es Scheinzugeständnisse.

Foto: O-Young Kwon | aboutideas.net

HATE: Es hat sich also durch diese Verhandlungen nichts verbessert?

Lower Class Magazine: Im Gegenteil. An der Benachteiligung der Kurden hat sich nichts geändert. Und zu Diskriminierung und Armut kommt jetzt noch der Beschuss durch türkische Sicherheitskräfte und Armee dazu.

HATE: An welchem Punkt ist das dann zum Erliegen gekommen?

Lower Class Magazine: Seit dem Attentat in Suruc am 20. Juli 2015 könnte man sagen. Die Menschen hier vermuten den Staat hinter dem Anschlag mit dem Ziel des Machterhalts. Es besteht ein Interesse an Destablisierung des alltäglichen Lebens.

HATE: Die Beendigung des Friedensprozesses ging nicht von der PKK aus?

Lower Class Magazine: Nein, das Interesse der PKK am Friedensprozess ist größer als das des türkischen Staats. Die demokratischen Institutionen, die die kurdische Bewegung hier aufbauen will und aufgebaut hat, funktionieren nur solange Frieden ist. Wir haben mit Menschen gesprochen, die hier Kulturzentren aufgebaut haben, in denen jetzt nichts mehr stattfindet. Die Menschen leiden, die wünschen sich keinen Krieg. Aber sie werden natürlich auch kämpfen.

HATE: Was bringt dem türkischen Staat das?

Lower Class Magazine: Der Staat will die Bestrebungen der Kurden zerstören, sich eigene demokratisch autonome Formen der Selbstverwaltung zu geben, die man in Ankara als Gefahr sieht.

HATE: Sind das die einzigen Ziele?

Lower Class Magazine: Nein, es gibt auch andere. Der Stadtteil Sur ist das Herz Diyarbakirs und es findet eine Art „Gentrifizierungskrieg“ statt. Hier gibt es die meisten Sehenswürdigkeiten und trotzdem wohnen dort fast nur arme Leute, viele von ihnen sind vor 20 Jahren im Kurdistankrieg aus ihren Dörfern vertrieben worden. Die türkische Regierung sagt über dieses Viertel öffentlich: Nach der Arbeit der Zerstörung kommt die Arbeit des Neuaufbaus.

HATE: Wieso fühlt der türkische Staat sich von den Autonomie-Bestrebungen der Kurden bedroht?

Lower Class Magazine: Die Kurden sind innenpolitisch derzeit die stärksten Gegner Erdogans. Ihr Projekt der sogenannten „demokratischen Autonomie“ stellt Erdogans Vision eines neoliberalen Modernisierungsprogramms und eines de facto quasi-diktatorischen Präsidialsystems direkt in Frage. Außerdem bereiten die Kurden Erdogans neoosmanischen Ambitionen Probleme, weil durch die internationale Solidarität mit Rojava auch ein Erstarken der kurdischen Bewegung stattgefunden hat. All das bedroht seine Politik.

HATE: Wie unterscheidet sich die aktuelle Situation zum Krieg vor 20 Jahren?

Lower Class Magazine: Der Krieg konzentriert sich diesmal mehr auf die Städte als auf die ländlichen Gegenden. Der kurdische Widerstand geht auch weniger von der PKK, also von professionellen Guerillakämpfern aus, sondern von einer neuen Generation Jugendliche, die desillusioniert sind. Die erwarten einfach nichts mehr vom türkischen Staat und haben auch keine Hoffnung mehr darauf, mit diesem Staat und dieser Regierung nochmal über einen Frieden zu verhandeln.

Foto: O-Young Kwon | aboutideas.net

HATE: Woher kommt die Desillusionierung?

Lower Class Magazine: Die jungen Menschen hier haben gar keine Beziehung zum türkischen Staat. Früher sind die Menschen in die Türkei in Urlaub gefahren, viele haben dort gearbeitet. Das gibt es nicht mehr. Für die Jugendlichen heute ist die Regierung in Ankara eine ausländische Besatzungsmacht.

HATE: Kein Frieden in Sicht also?

Lower Class Magazine: Nein, wahrscheinlich nicht. Ähnlich wie in den 90er-Jahren gibt es eine militärische Patt-Situation, aber gleichzeitig ist die Situation jetzt politisch noch aussichtsloser. Keiner hier weiß, wohin das alles noch führen soll. Die türkische Regierung spricht von Säuberungen, gleichzeitig wird das nicht passieren, weil die kurdische Bewegung tief verwurzelt ist. Diese Beziehungen kann man nicht militärisch zerschlagen. Die Menschen geben ihr Land nicht einfach auf. Im Grunde weiß keiner, wie es weitergehen soll. Für einen neuen Friedensprozess gibt es keine Grundlage mehr.

HATE: Was wünschen sich die Menschen, mit denen Ihr in Kurdistan gesprochen habt, eigentlich von den Menschen hier?

Lower Class Magazine: Viele fragen zu uns: Was ist denn mit der EU? Wieso üben die EU-Staaten keinen Druck auf die Türkei aus, damit das Morden aufhört? In der Realität war der deutsche Botschafter in Ankara und gibt danach ein Statement raus, in dem steht, dass der türkische Staat sich gegen die Angriffe der PKK wehren darf. Das stößt hier auf Unverständnis.

HATE: Und von der Linken speziell?

Lower Class Magazine: Von der Linken wünscht man sich jede Unterstützung die möglich ist. Wir haben zum Beispiel schon mit einem ganz konkreten Projekt angefangen. Die hiesige Lehrergewerkschaft hat den Wunsch geäußert, dass junge Kinder mit ihren Zeichnungen eine Ausstellung in Deutschland machen können und dann auch mitreisen können, damit die mal aus dieser permanenten Kriegssituation rauskommen. Dafür wird natürlich Geld benötigt. Überhaupt werden Spenden benötigt. Die Wirtschaft ist komplett zum Erliegen gekommen und derzeit wird fast alles von der Bevölkerung hier alleine getragen. Das geht natürlich nicht mehr lange gut. Da könnte die Linke sich, ähnlich wie in Kobane und Rojava, auch beteiligen. Denn die Situation ist hier gar nicht groß anders. Es wäre einfach wichtig, dass es ähnlich wie bei Kobane jetzt eine internationale Anstrengung und Solidarität gibt, um zumindest die allerschlimmsten Auswirkungen dieses Krieges etwas abzumildern. Die Menschen wünschen sich Öffentlichkeit, sie brauchen humanitäre Hilfe. Es gibt in Deutschland immer noch wenig Bewusstsein darüber, wie schlimm die Situation hier gerade ist. Vielen denken, in Kurdistan würde immer gekämpft. Aber die Qualität ist jetzt doch eine komplett andere.

Hier geht’s zum Lower Class Magazine. Da könnt ihr weiterlesen!

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