Kunst

„Haiti ist ein kaputtes Paradies“ – Das Museum of Trance ist zurück in Berlin

Ihr erinnert Euch vielleicht: Im Oktober 2015 hatten wir unsere Freundin, die Künstlerin Henrike Naumann interviewt. Damals hat sie gerade Geld für ihr „Museum of Trance“ gesammelt, das sie gemeinsam mit dem Musiker Bastian Hagedorn während der Ghetto Biennale auf Haiti errichten wollte. Seit zwei Wochen sind die beiden wieder zurück in Berlin und wir wollten natürlich wissen es war.

HATE: Henrike, Bastian, wie geht es Euch?

Henrike Naumann: Die Teilnahme an der Ghetto Biennale ist das Extremste, was ich je erlebt habe. Ich kann gar nicht glauben, dass wir das wirklich durchgezogen haben und das Museum of Trance in Port-au-Prince eröffnet haben.

Bastian Hagedorn: Ich habe mich dort die ganze Zeit gefühlt, als hätte man ein Stroboskop mit höchster Taktfrequenz direkt auf meine Augen gerichtet. Ich bin noch gar nicht wieder richtig in Berlin angekommen. Ich vermisse das Leben, das wir geführt und die Menschen, die wir da kennengelernt haben.

HATE: Wie war Euer Eindruck von Haiti?

Henrike: Haiti ist ein kaputtes Paradies, wunderschön und zugleich völlig zerstört. Es fällt mir sehr schwer, das Land zu beschreiben. Die afrikanische Tradition ist sehr präsent, präsenter als in den anderen karibischen Nachbarstaaten. Wir waren mit unserem Team im haitianischen Nationalmuseum und haben dort viel über die Geschichte des Landes gelernt. Und die ist wirklich hart: Ausrottung der indigenen Bevölkerung, Sklaverei, Unabhängigkeit, Verschuldung, UN-Einsätze, das Erdbeben, humanitäre Katastrophe, NGO-Parallelgesellschaft sind nur ein paar Beispiele. Gleichzeitig spürt man aber auch überall die Power dieser hyperjungen Gesellschaft, den Wunsch der Menschen etwas anzupacken und zu verändern! 70% der Bevölkerung sind unter 30 Jahren alt! Man spürt, dass die Gesellschaft dort auf einer Revolution gegründet wurde und rechnet insgeheim damit, dass es eine neue geben kann.

Bastian: Das Erdbeben ist jetzt sechs Jahre her und trotzdem überall präsent. Die Hilfeleistungen von damals waren überhaupt nicht nachhaltig. Das Land wurde alleine gelassen und der Rest der Welt ignoriert Haiti. Das hat mich ganz schön erschüttert.

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Foto: Museum of Trance

HATE: Ihr hattet Euch allerhand vorgenommen. Was hat davon wirklich funktioniert? Und was nicht?

Henrike: Es ist nichts so gekommen wie geplant und alles tausendmal besser! Unsere Zeitpläne und ToDo-Listen haben wir nach dem ersten Tag über den Haufen geworfen und sind dann ganz mit dem Flow gegangen. Wir hatten die Möglichkeit, das Museum in den Räumen eines Vodou-Priesters einzurichten und dort sogar eine Vodou-Drum-Session abzuhalten. Der Höhepunkt war ein großer Trance-Rave auf der Grand Rue mit einem riesigen Soundsystem und Bastian an den Reglern.

HATE: Bastian, wie hast Du das erlebt?

Bastian: Unser Openair-Rave war der Wahnsinn. Die Leute waren zu Beginn noch skeptisch, aber irgendwann sprang der Funke über und wir hatten alle zusammen einen wahnsinnigen Abend. Unser Vorteil war, dass wir vor Ort Live-Musik mit Instrumenten gespielt haben. Das hat gleich Aufmerksamkeit erregt. Die Leute kamen vorbei um sich mit uns auszutauschen, zu sehen, was wir machen und vor allem auch einfach um eine gute Zeit zu haben und mit uns zu feiern.

Henrike: Wir haben uns vorher viele Gedanken gemacht, wie die Leute wohl auf den deutschen Trance reagieren werden und ob sie damit etwas anfangen können. In der Hinsicht gab es allerdings gar keine Berührungsängste, eher im Gegenteil.

Bastian: Wir hatten wirklich keine Ahnung was passieren würde. Dass unser Museum direkt im Lakou von Papada, dem lokalen Vodou-Priester errichtet wurde, hatte natürlich den Vorteil, dass wir an einem Ort waren, an dem sich die Nachbarschaft sowieso schon regelmäßig traf. Schließlich war sein kleiner Tempel auch nur wenige Schritte von unserem Museum entfernt. Da wurde auch gleich eine spannende Brücke geschlagen: hier der Vodou-Tempel und da das „Museum of Trance“.

Museum of Trance
Foto: Museum of Trance

HATE: Euer erklärtes Ziel war es, herauszufinden, was die deutsche und die haitianische Trancekultur sich zu sagen haben.

Bastian: Das konnten wir leider nur oberflächlich klären. Auch weil es Sprachbarrieren gab und wir zu wenig Zeit hatten darüber mit einem Vodou-Priester ausführlich zu sprechen. Auf der performativen und musikalischen Ebene gab es aber sehr wohl einen Erfahrungsaustausch: Unsere Vodou-Drumming Session war zwar nicht vergleichbar mit den Trommelritualen, die nötig sind um die Loa anzurufen, aber es zeigte sich, dass sowohl die Drummer an der Batterie als auch ich an der Groovebox in der Lage waren den Sound und die Rhythmik der Sequenzer und Synthesizer mit den Trommelpraktiken der Haitianer in Einklang zu bringen.

HATE: Wie haben die Menschen in Haiti denn generell auf Euer Museum of Trance reagiert?

Henrike: Ich finde es immer noch erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit das Museum of Trance als Institution in der Nachbarschaft der Grand Rue von den Menschen akzeptiert wurde. Die Innenstadt von Port-au-Prince ist noch immer stark vom Erdbeben gezeichnet und die Menschen leben sehr einfach. Der Platz und die Ressourcen sind sehr knapp, doch die Menschen schätzen Kunst und Musik außerordentlich. Das Museum of Trance durfte für die Dauer der Biennale einen ganzen Raum in der Nachbarschaft beanspruchen und wurde von der Community akzeptiert und täglich besucht. Das ist für mich überhaupt die größte Errungenschaft.

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Foto: Museum of Trance

HATE: Wir war die Zusammenarbeit mit den anderen Künstlern der Ghetto Biennale?

Henrike: Die lokalen Atis Rezistans, die die Biennale veranstalten, haben mich sehr beeindruckt. Sie haben ein eigenes kleines Quartier in der Grand Rue in Downtown Port-au-Prince, wo sie leben und ihre Ateliers haben. Deren Zusammenhalt ist extrem stark und sie schaffen die abgefahrensten Kunstwerke, die ich je gesehen habe. Sie arbeiten dafür mit dem, was im Ghetto da ist: Holz, kaputte Elektrogegenstände, menschliche Schädel. Ihre Themen zirkulieren um die Vodou-Tradition, um Haitis bewegte Geschichte und die Allgegenwärtigkeit des Todes.

Bastian: Ich wäre gerne mehr mit anderen Künstlern in Austausch getreten und hätte gerne mehr Zeit gehabt, mir die anderen Ausstellungen anzusehen oder auf die Suche nach interessanter Musik zu gehen. Leider fehlte dafür die Zeit. Ich hatte außerdem die Sprachbarrieren unterschätzt. Ich spreche leider kaum Französisch und Kreolisch. Sonst hätte ich gerne tiefergehende Gespräche geführt. Für mich ist das aber nur ein Grund, bald wieder dorthin zu reisen und das nachzuholen.

HATE: Was wird jetzt eigentlich aus dem Museum of Trance? Macht ihr weiter? Oder ist das Projekt für Euch beendet?

Henrike: Unser Plan ist es, das Museum of Trance bald in Deutschland zu zeigen, gemeinsam mit unseren haitianischen Kollegen. Die Beschaffung der Visa wird eine große Herausforderung. Da zeigt sich einmal mehr die Ungerechtigkeit der globalen Bewegungsmöglichkeiten.

Für alle Berliner gibt es zwei Termine, um den Vibe des Museum of Trance zu erleben:
Am 29.01.2016 spielt Bastian Hagedorn beim RAVE 2K Vol. II im Urbanspree ein Hardtrance-DJ-Set.

Im April 2016 wird es einen “

Museum of Trance-Abend mit Photos, Videos und Sound in der Galerie Wedding, im Rahmen von Henrike Naumanns Einzelausstellung Aufbau Ost, geben. Den genauen Termin erfahrt ihr demnächst hier.

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