Politik

„Das ist eine ganz neue Generation“

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Im Januar vergangenen Jahres hat SYRIZA die griechischen Parlamentswahlen gewonnen. Im Juni 2015 hat Boris Kanzleiter eine Artikel-Reihe mit dem Titel „Rote Punkte auf dem Balkan“ für das Neue Deutschland verfasst. Darin hat er einen linken Aufschwung in den Balkanländern beschrieben, der motiviert ist von den Ereignissen in Griechenland. Spätestens im Herbst 2015 war die Hoffnung, die in SYRIZA gesetzt wurde, aber längst wieder verflogen. Manche der Balkan-Länder wurden zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt, die Abschiebemaschine aus Deutschland in diese Länder läuft und Geflüchtete, die sich auf dem Weg ins Innere von Europa befanden, sitzen an Grenzen in Lagern fest. Wir haben uns mit dem Leiter des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung für Südosteuropa in Belgrad getroffen, um mit ihm über das vergangene Jahr dort zu sprechen.

HATE: Boris, was hat die Linke auf dem Balkan mit der Linken in Griechenland gemeinsam?

Boris Kanzleiter: Die politische Stimmung in Griechenland hat generell viel Einfluss auf die Stimmung in den Balkanstaaten und in Osteuropa. Die Länder haben mit ähnlichen Strukturproblemen zu kämpfen, also ist die Identifikation entsprechend groß.

HATE: Welche Strukturprobleme sind das?

Kanzleiter: Die Folgen der Wirtschaftskrise aus dem Jahr 2008/2009 dauern in der gesamten Region an. Kroatien und Griechenland befinden sich seitdem in der Rezession und in den anderen Ländern sieht es ebenfalls nicht viel besser aus. Auch die Reaktionen der Eliten in Griechenland und den Balkanländern waren sehr ähnlich. In all diesen Ländern wurde eine gnadenlose Austeritätspolitik umgesetzt: Staatliche Betriebe wurden privatisiert, Sozialleistungen gestrichen oder gekürzt und neue Arbeitsgesetze durchgesetzt, die Flexibilisierung und Prekarisierung vorantreiben. In Serbien wurden die Löhne im öffentlichen Sektor beispielsweise um 10 bis 15% gekürzt.

HATE: Doch im Gegensatz zu den Balkanländern hat in Griechenland Anfang 2015 eine erst einmal scheinbar linke Kraft die Parlamentswahlen gewonnen. Es gab Hoffnung.

Kanzleiter: Genau. Die Austeritäts-Programme der Regierungen haben natürlich überall ähnliche Effekte, aber in Griechenland war der Widerstand dagegen am stärksten. Dort wurden die Strukturprobleme auch am deutlichsten sichtbar und von SYRIZA sehr genau artikuliert. Linke, politisierte Menschen auf dem Balkan haben sich mit dem linken Widerstand gegen die europäische Austeritätspolitik stark identifiziert und zwar nicht nur mit der inhaltlichen Programmatik, sondern auch mit den „Bewegungen der Plätze“. Vor allem der Syntagma-Platz wurde ein symbolischer Bezugspunkt.

HATE: Haben sich die Menschen auf dem Balkan auch auf Plätzen getroffen?

Kanzleiter: Ja, das haben sie. Leider wurde international aber kaum darüber berichtet, genau wie über andere Proteste auch nicht. Es gab nämlich nicht nur in diesem, sondern auch in den vergangenen Jahren immer wieder spannende Sozialproteste.

HATE: Kannst Du Beispiele nennen?

Kanzleiter: In Tuzla in Bosnien-Herzegowina fand im Frühjahr 2014 ein Arbeiteraufstand statt. Beschäftigte, die seit Monate keine Löhne mehr bekommen und den Zugang zum Gesundheitssystem verloren hatten, haben monatelang jeden Mittwoch vor der Stadtverwaltung demonstriert, bis es im Februar 2014 dann mit der Polizei eskalierte. Dieses Moment ist rasend schnell auf andere Städte übergesprungen und am nächsten Tag gab es bereits in vielen anderen Städten in Bosnien-Herzegowina große Demonstrationen und Auseinandersetzungen. Sogar Regierungsgebäude wurden abgebrannt. Die Presse sprach vom „Bosnischen Frühling“.

HATE: Gab es so etwas auch in anderen Ländern?

Kanzleiter: Nicht in dieser Dimension, aber in Rumänien gab es sehr starke Proteste gegen die Privatisierung im Gesundheitswesen. In Kroatien fanden viele verschiedene Protestwellen statt. Die stärkste war vielleicht die von Studentinnen und Studenten im Jahr 2009, die gegen die Privatisierung von Bildung protestiert und gestreikt haben. Das ist zwar schon etwas länger her, aber die Bewegungen an den Universitäten sind eine Konstante in der Region. Aktuell in Tirana in Albanien. Dort gibt es seit Wochen Proteste gegen Studiengebühren, die auch in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen und diskutiert werden. Ähnlich wie in Mazedonien: Dort dauerten die Proteste den ganzen letzten Winter an und gingen bis dieses Jahr im Frühjahr. In Bulgarien wurde auch protestiert und zwar entzündete es sich dort an der Erhöhung der Strompreise vor etwa anderthalb Jahren.

HATE: Aus Griechenland wurde international berichtet, aus den Balkanländern nicht. Woran liegt das?

Kanzleiter: Es gibt keine gemeinsame Protestbewegung. Die Proteste sind sehr diffus und finden vereinzelt statt. Es fehlt auch an einer gemeinsamen Artikulation und sicher auch an charismatischen, politischen Akteuren, die den Bewegungen ein Gesicht geben.

HATE: Warum ist das in Griechenland anders?

Kanzleiter: Ein großes Problem ist die Diskontinuität der Linken seit dem Ende des Sozialismus. Mit dem Ende des sozialistischen Projektes auf dem Balkan ist auch die Linke, die schon kritisch gegenüber dem realexistierenden Sozialismus war, in die Krise geraten. Seit 25 Jahren erleben diese Staaten eine Transition, einen aggressiv durchgesetzten Übergang zum Kapitalismus. Ideologisch ist das, was dort passiert, sehr rechts. Es wird ein autoritärer Neoliberalismus, der sehr stark mit Nationalismus verknüpft ist, durchgesetzt. Das ist die Ideologie der neuen herrschenden Klasse und wird unterstützt durch die Institutionen der europäischen Union. Das nimmt der Linken die Luft zum Atmen. Es findet regelrecht eine Bombardierung mit diesen Ideologien statt. Dazu kommt, dass die Linke durch die Gegenwärtigkeit des Geschichtsrevisionismus als totalitäre Ideologie angegriffen wird. Deswegen befindet sich die Linke insgesamt in einer defensiven Position und es ist sehr schwer eine wirklich linke Position zu artikulieren. Egal, ob in der Universität, am Arbeitsplatz oder in Medien. Es ist sehr schwer, für Linke überhaupt gehört zu werden.

HATE: Aber es tut sich trotzdem was.

Kanzleiter: Ja, und zwar vor allem im ehemaligen Jugoslawien. Hier ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren einiges passiert. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, dass hier wirklich gerade eine neue Linke entsteht.

HATE: Was unterscheidet denn diese neue Linke von der alten?

Kanzleiter: Erst einmal ist das eine ganz neue Generation. Die orientieren sich an internationalen linken Debatten, nicht am nationalen Diskurs und sind ganz neu politisiert. Die Politisierung findet oft im Kontext von Uni-Protesten statt.

HATE: Warum gerade im Uni-Kontext?

Kanzleiter: Das Recht auf kostenlose Bildung war garantiert im Sozialismus. Das wird jetzt unterminiert und ausgehebelt durch die Kommerzialisierung von Bildung. Das hat zur Folge, dass es an den Universitäten eine starke Stratifizierung gibt. Es können eigentlich nur noch Leute aus den sehr schmalen Funktionseliten überhaupt problemlos studieren. Alle anderen haben nicht genug Geld in der Tasche, um sich das zu leisten. Die Studiengebühren sind für die meisten eine große finanzielle Herausforderung.

HATE: Wie sieht es denn mit linker Lehre aus?

Kanzleiter: An den Universitäten gibt es so gut wie keinen Platz für eine kritische, und damit meine ich noch nicht mal marxistische, Gesellschaftstheorie. Es gibt kaum noch Professoren oder Wissenschaftler, die daran ein Interesse haben. Das Bildungswesen ist mittlerweile völlig durch kommerzialisiert. Die Universitäten orientieren sich an der Profitmaximierung. Das hat dazu geführt, dass solche Themen überhaupt nicht mehr gelehrt werden. Für kritische Wissenschaftler ist kein Platz mehr.

HATE: Gibt es neben den Uni-Protesten noch andere Felder wo Du neue Politisierung wahrnimmst?

Kanzleiter: Es sind vor allem soziale Themen, die politisieren. Gleichzeitig kann dort nicht das gleiche Potential entstehen. Die Menschen in den Balkanländern sind damit beschäftigt, ihr Überleben zu sichern. Man muss sich nur mal den Durchschnittslohn in Bulgarien, Rumänien und Serbien anschauen. Der liegt bei 300-400 Euro im Monat. Das ist nicht genug. Da geht es einfach ums Überleben. Das ist die oberste Priorität für die meisten. Dann kommt vielleicht noch ein Privatleben und dann vielleicht maximal auch noch irgendwo ein Engagement.

HATE: Wie groß ist diese neue Linke überhaupt, von der wir da sprechen?

Kanzleiter: Das sind natürlich kleine Gruppen, denen kaum Ressourcen zur Verfügung stehen. Die können kaum eigenen Publikationen in Umlauf bringen, Netzwerke zu bilden. Die haben einfach kein Geld in der Tasche. Aber sie sind da und finden auch zunehmend Gehör. Das konnte man sehr gut im vergangenen Frühjahr sehen. Da hat sich zum ersten Mal in den Medien so eine Art öffentlicher Raum geöffnet und linke Ideen sind auf einmal wieder im Mainstream diskutiert worden. Das war sehr spannend.

HATE: Was sind denn die gemeinsamen Themen und Ziele dieser neuen Linken?

Kanzleiter: Im Vordergrund stehen bei den meisten Gruppen soziale Themen und die Auswirkungen der Austeritätspolitik. Auf diese Themen kann sich diese kleine Linke mit einem Teil der Gewerkschaften verständigen. Ein anderer Aspekt ist der Kampf um Bildung. Darüber hinaus sind auch noch alle Themen relevant, die auch in anderen Ländern eine Rolle spielen. Also Ökologie, Feminismus, LGBT. Das sind alles Themen, die überall präsent sind.

HATE: Kann die neue Linke denn Erfolge verbuchen?

Kanzleiter: In Slowenien gibt es eine neue, linke Kraft die jetzt auch im Parlament ist: die Vereinigte Linke. Die haben bei den Parlamentswahlen im Juli letzten Jahres 6% bekommen. Das ist natürlich kein Erdrutsch-Sieg, aber es ist die erste linkssozialistische Kraft, die es in irgendeinem osteuropäischen Land in irgendein Parlament geschafft hat. Und das ist schon bemerkenswert. Slowenien war ja eigentlich immer das osteuropäische Vorzeigeland der EU. Sie haben dann, genau wie Griechenland, kurz vor einem Memorandum gestanden, sind aber knapp daran vorbei geschrammt.

HATE: Wie fortschrittlich schätzt Du die Vereinigte Linke in Slowenien ein?

Kanzleiter: Ich schätze sie als emanzipatorisch ein. Ihre Themen sind klassische Themenfelder der emanzipatorischen Linken und es ist auch keine Partei, die noch übrig ist aus der Zeit des Staatskommunismus. Sie kämpfen gegen Privatisierung und sind für die Einführung der Arbeiterselbstverwaltung. Sie machen aktuell eine starke Kampagne für ein Referendum für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften. (Anm. der Redaktion: Das Referendum ist mittlerweile gescheitert. Zum Zeitpunkt des Interviews war der Ausgang noch offen.)

HATE: Gibt es eigentlich von den alten Parteien auch welche, die als fortschrittlich gelten würden?

Kanzleiter: Nein. Die haben sich oftmals in eine sehr nationalistische und teilweise auch reaktionäre Richtung entwickelt.

HATE: Wie sieht es denn mit einer Kunstszene oder mit Subkulturen aus? Also mit gesellschaftlichen Bereichen, die nicht direkt politisch sind?

Kanzleiter: Es gibt in den Städten des Balkans eine prekarisierte Kunst- und Musikszene und dort Leute, die versuchen kritische Projekte zu entwickeln und mit denen auch Geld zu verdienen. Vor allem in der Kunstszene ist das teilweise tatsächlich möglich, weil das ein offeneres Feld ist als die engere Politik. Aber auch in diesem Bereich ist es auf Grund der enormen Armut schwer eine autonome und unabhängige politische Position zu entwickeln.

HATE: Viele gehen deswegen weg oder versuchen es zumindest.

Kanzleiter: Genau. Die, die gehen können, machen das meistens auch. Aber dieses Weggehen ist oft mit vielen Problemen, mit vielen Lebenskrisen verknüpft. Es ist ja nicht so, dass an den Unis in Berlin, Paris oder London die Türen offen stehen für kritische Leute vom Balkan.

HATE: Wenn wir über Migration und Flucht sprechen: Die Balkanländer liegen auf der Fluchtroute ins Innere von Europa. Wie war die Stimmung auf dem Balkan, als die Fluchtbewegungen im Sommer immer größer wurden?

Kanzleiter: Ich kann nur für Serbien sprechen, aber hier gab es im ersten Moment wirklich erstaunlich viel Empathie. Selbst die im Grunde rechte und nationalistische Regierung hat positiv reagiert. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch auf offizieller Ebene haben viele gesagt, dass sie das Elend der Flucht aus der eigenen Geschichte nur zu gut kennen.

HATE: Und das war auch tatsächlich so?

Kanzleiter: Ich habe mit Leuten von Menschenrechtsorganisationen gesprochen, die sich direkt damit befassen und die haben mir auch nochmal bestätigt, dass es in Serbien keine Polizeiübergriffe auf Geflüchtete gab. In Bulgarien verhalten sich die Institutionen dagegen ziemlich aggressiv. Ein Problem für die Flüchtlinge sind Raubüberfälle, die es wohl überall entlang der „Balkanroute“ gibt. In Belgrad selbst gab es im Sommer aber viel Unterstützung für die Flüchtlinge Es wurde geholfen und gespendet und zwar von Firmen, NGOs und Privatpersonen. Das war auch gut so, weil die Geflüchteten in Belgrad wirklich unter freiem Himmel übernachtet haben.

HATE: Die Grenzen waren zu dem Zeitpunkt auch noch mehr oder weniger offen.

Kanzleiter: Genau. Die Geflüchteten waren ja auch nur auf der Durchreise. Solange die Grenzen offen waren, haben sich die Geflüchteten in den betroffenen Ländern nicht länger als zwei, drei Tage aufgehalten. So lange konnten sie legal bleiben. Die haben ein Papier bekommen, dass sie 72 Stunden in dem Land blieben können und bis dahin einen Asylantrag stellen müssen, was sie dann natürlich nicht gemacht haben, weil sie dann die Möglichkeit genutzt haben, um an die nächste Grenze weiterzureisen und dort auch durchgekommen sind. Das war wirklich sehr beeindruckend, wie diese Masse an Menschen die Grenzen einfach weggeräumt hat. Ich war selbst in Subotica und Preševo in Serbien und habe mir das angeschaut.

HATE: Das war im Sommer. Mittlerweile wurde das Asylrecht in Deutschland verschärft, an Europas Grenzen wurden neuen Zäune hochgezogen. Wie ist die Stimmung aktuell vor Ort?

Kanzleiter: Die gute Stimmung aus dem Sommer kippt gerade. Durch die partiellen Grenzschließungen werden die Balkanländer jetzt zu so einer Art Pufferzone bei der neuinstallierten Flüchtlingsabwehr, die verschiedene Etappen hat. Die Geflüchteten sollen erst in der Türkei festgehalten werden, dann in der Ägäis und dann an der mazedonisch-griechischen Grenze. Die serbisch-mazedonische Grenze ist zwar noch nicht dicht, das wird aber vermutlich der nächste Schritt sein. In Slowenien haben sie jetzt schon einen Zaun Richtung Kroatien gebaut, in Ungarn ist er fertig. An der mazedonisch-griechischen Grenze hat sich ein Auffangpunkt gebildet. Da sitzen die Menschen jetzt fest. Die wollen natürlich auch nicht zurück. Das kommt jetzt auf die ganzen Länder in der Balkanregion und in Osteuropa zu, dass zunehmend Menschen dauerhaft bleiben. Das ist ein Moment, den Menschenrechtsorganisationen und Journalisten beobachten müssen, weil diese Lager sehr stark unterfinanziert sein werden. Dort werden katastrophale humanitäre Bedingungen herrschen.

HATE: Wie sieht es denn in der Hinsicht mit linker Politik aus? Das könnte ja auch ein Politisierungsmoment sein.

Kanzleiter: Es gibt schon kleinere Gruppen und auch Einzelpersonen, die versuchen das vor Ort zu thematisieren. Aber die gesamte Linke ist schwach und so eben auch bei dem Thema natürlich. Es gibt allerdings ein paar etablierte NGOs vor Ort, die versuchen zu helfen.

HATE: Es gibt aber noch einen anderen Aspekt der Flucht und Migration über den wir sprechen müssen. Im Oktober 2015 wurden die Länder Albanien, Montenegro und Kosovo zu „Sicheren Herkunftsstaaten“ erklärt. Damit wird den Menschen aus diesen Ländern einerseits die Flucht verwehrt, andererseits rollt eine massive Abschiebewelle an. Wie schätzt Du das ein?

Kanzleiter: Das ist eine sehr komplexe Frage. Natürlich gibt es in diesen Ländern keinen Krieg mehr. Insofern unterscheidet sich die Situation von der Situation im Irak, in Syrien und Afghanistan qualitativ ganz klar. Ob die Länder deswegen aber sicher sind, ist eine andere Frage.

HATE: Das Gesetz wurde auch als „Anti-Roma-Gesetz“ bezeichnet.

Kanzleiter: Auch hier muss man ganz genau hinschauen. Es gibt natürlich in keinem dieser Länder so etwas wie „Rassengesetze“ oder eine staatlich vorgeschriebene Segregation. Auf der gesetzlichen Ebene ist der Minderheitenschutz eigentlich gut. Das Problem ist allerdings die enorme Diskrepanz zwischen dem normativen Anspruch und der gesellschaftlichen Realität. Die Roma werden massiv diskriminiert. Einerseits durch Alltagsrassismus, aber auch durch institutionellen Rassismus.

HATE: Kannst Du Beispiele nennen, wie sich das konkret äußert?

Kanzleiter: Das geht los bei der selektiven Einschulung. Roma-Kinder werden oft in Sonderschulen eingeschult. Das geht weiter bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Es gibt eine durchgehende Diskriminierung der Roma, die zur Folge hat, dass die Lebenschancen für Roma drastisch schlechter sind, als die von anderen Menschen. Das lässt sich statistisch nachweisen: die Lebenserwartung ist durchschnittlich 10 Jahre niedriger als im Rest der Bevölkerung. Nur ein Prozent der Roma erreichen ein Lebensalter von 60 Jahren. Die Kindersterblichkeit ist drastisch höher. Die Bildungsabschlüsse sind niedriger. An allen harten Indikatoren kann man ablesen, dass diese Gruppe wirklich auch als Gruppe diskriminiert wird.

HATE: Trotzdem gelten diese Länder jetzt als sicher.

Kanzleiter: Die werden als sicher bezeichnet, weil es zweckmäßig ist. Man möchte diese Menschen in der EU nicht haben. Es hat aber nichts mit der Beschreibung der tatsächlichen Realität zu tun.

HATE: Länder wie der Kosovo sind aber nicht nur für Roma nicht sicher.

Kanzleiter: Es gibt insbesondere im Kosovo Situationen eines dysfunktionalen Gerichtswesens. Das bestätigen alle internationalen Institutionen. Damit meine ich Korruption, Manipulation des Gerichtswesens bis hin zu physischen Bedrohungen von Zeugen. Bei den Kriegsverbrecherprozessen im Kosovo wurden viele Zeugen sogar erschossen. Derzeit wehrt sich die nationalistische Opposition im Parlament in Priština mit Händen und Füßen gegen die Implementierung des Brüsseler Abkommens über den Schutz der serbischen Minderheit im Kosovo. So sieht natürlich kein sicheres Land aus. Es gibt in diesen Ländern einfach keine funktionierende Demokratie.

HATE: Kannst Du konkrete Beispiele nennen an denen Du das festmachst?

Kanzleiter: Es gibt ein dysfunktionales Gerichtswesen, wo man sein Recht nicht durchsetzen kann. Es gibt an diesen Gerichten eine teilweise haarsträubende Straflosigkeit. Es gibt teilweise starken Druck bei Wahlen, das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen. Man kann das schon als Wahlfälschung bezeichnen. Vor allem in Mazedonien und Bulgarien ist es absolut Gang und Gebe.

HATE: Wie laufen diese Wahlfälschungen ab?

Kanzleiter: Das sind teilweise subtile Mechanismen, teilweise aber auch ganz manifeste. Es gibt zum Beispiel Dörfer, in denen die Leute angehalten werden mit ihren Mobiltelefonen zu fotografieren, wo sie ihr Kreuz machen. Die müssen das Foto dann an den Funktionär der entsprechenden Regierungspartei schicken, damit sie zum Beispiel ihren Job nicht verlieren oder anderen Repressalien nicht ausgesetzt werden.

HATE: Gleichzeitig laufen die Abschiebungen an, weil der Kosovo jetzt angeblich sicher ist.

Kanzleiter: Darüber wird leider nur selten gesprochen. Es gibt nämlich noch sehr viele Kriegsflüchtlinge aus den Balkanländern in Europa, die nie zurückkehren konnten. Aus dem Kosovo sind im Kontext des Krieges im Jahr 1999 mindestens 200.000 Menschen geflohen. Damals gab es massive Übergriffe auf die serbische Minderheit und auf die Roma. Diese 200.000 Menschen sind nach Serbien. Montenegro und in die EU-Länder geflohen. Die internationale Gemeinschaft hat es bis heute nicht geschafft, Bedingungen zu schaffen, die diesen Menschen eine Rückkehr ermöglicht. Die fühlen sich nach wie vor bedroht oder haben auch keine Chancen, in ihren Heimatländern je wieder Fuß zu fassen. Und viele dieser Leute sind seit 1999 in Deutschland und im Duldungsstatus. Mit der Qualifizierung des Kosovo als sicherem Herkunftsstaat laufen diese Duldungen jetzt ab. Das heißt, die Abschiebung steht an.

HATE: Würdest Du Dir mehr Unterstützung von der deutschen Linken bei diesen Themen wünschen?

Kanzleiter: Einerseits gibt es durchaus Interesse. Aber oft ist es schon frustrierend, wie ignorant viele Linke in Europa im Grunde gegenüber diesen Ländern sind. Es ist manchmal sogar ein demonstratives Desinteresse. Die Leute sagen wirklich: ach, das ist mir zu kompliziert, da hab ich keinen Bock drauf. Das wird der Situation einfach nicht gerecht. Internationalistische Politik sieht anders aus.

HATE: Die Konflikte sind zu komplex und zu unsexy?

Kanzleiter: Das sicher auch. Die Linke hat die Tendenz nach Projektionsflächen zu suchen und die findet man momentan eben nicht auf dem Balkan. Obwohl es dort durchaus Bewegungen gäbe, mit denen man zusammenarbeiten könnte, wenn man wollte. Aber das passiert zu wenig. Obwohl man territorial so nah beieinander ist, gibt es fundamentale Unterschiede, die sich zum Beispiel darin manifestieren, dass die Linken auf dem Balkan einfach kein Geld haben, um an internationalen Netzwerktreffen wie „Blockupy“ oder an zentralen Demonstrationen teilzunehmen. Da findet ein Ausschluss statt. Dieser ist sicher nicht gewollt, aber eben dennoch real.

HATE: Hast Du eine Idee wie man da rauskommen könnte?

Kanzleiter: Man müsste eine Art Mental-Map entwickeln, die diese Region mitdenkt, auch wenn die Leute nicht da sind. Es geht da eher um eine kognitive Leistung, die notwendig wäre, um überhaupt die Voraussetzung für vermehrte Kooperation zu schaffen. Es gibt, wie gesagt, Akteure, Gruppen, Initiativen, Bewegungen, mit denen es sich lohnt zusammenzuarbeiten und die aktiv sind und die was machen. Die sind vielleicht schwach, aber man kann sich ja auch gegenseitig stärken. Das gilt im Übrigen nicht nur für den Balkan sondern für ganz Osteuropa. Obwohl der Zusammenbruch des Ostblocks 25 Jahre her ist und obwohl viele Büchern geschrieben worden sind, hat sich die Linke mit den Krisen des Realsozialismus und vor allem mit den gesellschaftlichen Folgen der „Transition“ zum Kapitalismus nur ungenügend auseinandergesetzt.

HATE: Weil man sich selber in Frage stellen müsste?

Kanzleiter: Das ist sicher ein Element. Eine kritische Beschäftigung mit dem Realsozialismus wirft die Frage nach der eigenen Positionierung zu diesen Systemen auf. Das ist schwierig und das kann man auch verstehen, aber es ist politisch eben dringend notwendig. Der zweite Grund ist so eine Art Orientalismus, der natürlich auch in der Linken verbreitet ist. Die Menschen dort werden oft als irrational eingestuft und man macht sich kaum Mühe hinzuschauen, mit wem man es zu tun hat, was es dort für Konflikte gibt Es gibt aber auch noch eine dritte Dimension, die meiner Ansicht nach nicht nur in Bezug auf den Balkan gilt sondern in Bezug auf alle Länder der europäischen Peripherie: Die Krisenerfahrung der vergangenen Jahre ist sehr unterschiedlich. In Deutschland vergessen auch Linke oft, dass wir es in den Ländern der europäischen Peripherie mit einem seit 2008 andauernden Krisenzyklus zu tun haben, der in diesen Ländern wesentlich tiefere Auswirkungen hat als in Deutschland.

HATE: Nervt Dich das?

Kanzleiter: Ich kann es einerseits verstehen, weil es wirklich nicht einfach ist. Man muss sich sehr genau und lange mit dem Balkan beschäftigen, um die Konfliktlinien nachvollziehen zu können. Aber ich finde, dass die Linke anders mit dieser Region umgehen müsste. Besonders jetzt wo es positive Anknüpfungspunkte gibt und man sich gemeinsam in ähnlichen Themen stärken könnte.

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