DIESDAS

Interview Tine // Making Feminism A Threat

Nach dem krass gut besuchten Workshop von Making Feminism A Threat haben wir mit Tine über Popstars, Körperbilder, den männlichen Blick und die Möglichkeiten einer feministischen Kritik der Popkultur gesprochen.

hate: Lass uns doch mal über ganz konkrete popkulturelle Phänomene reden, zum Beispiel Beyoncé, die sich bei den MTV-Awards vor einen riesigen “Feminism“– Schriftzug stellt. Hältst du das für Feminismus?

Tine: Das ist nicht der Feminismus, den ich vertrete. Ich sehe mich nicht in der Position, Leuten den Feminismus abzusprechen oder zu beurteilen, was ist feministisch und was nicht, aber ich habe schon eine ganz konkrete Vorstellung davon, wie ich Feminismus definiere. Wenn sie sich da vor diese Lettern stellt und sagt, sie ist Feministin, dann glaube ich ihr, dass sie ein feministisches Bewusstsein hat. Ich glaube nicht, dass das identisch ist mit meinem feministischen Bewusstsein. Dieses Bild stellt etwas ermächtigendes dar, aber verbleibt in einem unkritischen, nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse angreifenden Kontext. Das ist sehr leicht neoliberal zu besetzten.

hate: Wenn man über Beyoncé und Feminismus spricht, ist man relativ schnell beim Thema Körperbild und Körperdarstellung. Ist die Nacktheit der weiblichen Popstars ermächtigend oder nicht?

Tine: Beyoncé oder Nicki Minaj sind Frauen, deren Körper total gut vermarktbar sind. Die könnte man auch in der Werbung zeigen. Die Videos von Nicki Minaj würden nicht funktionieren, wenn sie pummelig wäre. Diese Körper entsprechen den Normen. Es sollte in der Popkultur auch darum gehen, bestimmte Klischees oder Codes zu überspitzen, und zu brechen und das passiert da meiner Meinung nach gar nicht. Sie passen sich einfach total dem männlichen Blick an. Es tut der Gesellschaft nicht weh. Es ist genau das, was die Leute sehen wollen. Daher sehe ich da weder einen Bruch noch ein emanzipatorisches Potential. Ein weiblicher Körper wird anders gelesen als ein männlicher. Natürlich gibt es Vorstellungen von schönen männlichen Körpern, aber die Spanne von Abweichungen ist viel größer und wesentlich wohlwollender, als das für den weiblichen Körper gilt.

hate: In diesem Zusammenhang können wir über den ,,male gaze“ reden, also inwiefern Frauen den männlichen Blick internalisiert haben. Im Zusammenhang mit Schönheitschirurgie hört man ja auch immer wieder: ,,Ich habe das für mich gemacht.“

Tine: Das Problem ist, dass man immer Teil der Gesellschaft ist, die man kritisiert. Es geht darum, die eigene Subjektivierung und wie man von der Gesellschaft geformt ist, zu erkennen. Dazu gehört dieser Blick. Man muss überhaupt erst mal reflektieren, was man da macht.

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hate: Kannst du dich an einen Moment aus der kürzeren Vergangenheit erinnern, in dem du dich selber dabei ertappt hast?

Tine: Ja, permanent. Ich hab das Gefühl, dass ich sehr in diesen Widersprüchen drin stecke, allein so alltägliche Praxen wie Beine rasieren. Find ich total doof. Warum mach ich das eigentlich? Mich stört das nicht. Ich weiß, dass mich der Blick der Leute stört. Da würden mir jetzt noch ganz viele Beispiele aus dem Alltag einfallen. Manchmal steht man drüber und denkt sich, ist mir egal. Aber häufig weiß ich, wie ich gesehen werde oder wie ich bewertet werde. Und dann merke ich, ich tue etwas, was ich eigentlich nicht vertrete.

hate: Hast du das Gefühl, dass es in den letzten zehn Jahren, sagen wir seit Mitte der 90er, vielleicht sogar einen Rückschritt gab? Dass Beispiele für ermächtigte Frauen in der Popkultur, die bestimmte Bilder von Schönheit brechen oder unterwandern vielleicht sogar weniger geworden sind? Vielleicht sind sie im Einzelnen lauter und sichtbarer, aber das es sozusagen Leuchttürme sind in einem Meer von frauenfeindlichem Chauvinismus in der Popkultur?

Tine: Ich finde da ist ein Rückschritt. Ich habe kein Problem mit nackten Körpern, aber was wir in der Populärkultur sehen, entspricht der Norm. Wir kriegen keine anderen Körper zu sehen.

hate: Außer Lena Dunham, die im Workshop auch schon 50-mal genannt wurde, fällt dir da noch ein anderes Beispiel ein? Kann ja eigentlich nicht sein, dass sie die Einzige ist, die mit dem Körperideal bricht.

Tine: In der Subkultur sieht das natürlich anders aus, aber wenn wir jetzt von Populärkultur sprechen, dann fällt mir da tatsächlich auch niemand anderes ein. Pop ist eben populär. Es ist massentauglich. Es soll vermarktbar sein für eine breite Masse und ich glaube das funktioniert nur innerhalb der Vorgaben, sonst wird’s nicht gekauft.

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hate: Allerdings ist die Hälfte der konsumierenden Bevölkerung nun mal weiblich. Also wie kann es sein, dass diese Marktmacht immer noch so kontrolliert werden kann?

Tine: Ich glaube, dass es den meisten Frauen wichtig ist, weiblich gelesen zu werden. Man kann sich über ganz viele andere Sachen definieren, über Arbeit zum Beispiel, schön im Kapitalismus. Aber es geht darum einen weiblichen Körper darzustellen und auch irgendwie begehrenswert zu sein. Darauf ist einiges zurückzuführen. Wir wissen, dass das totaler Blödsinn ist, aber wenn man sich komplett verweigert, fällt man aus der Begehrensstruktur heraus.

hate: Was für Instrumente siehst du abgesehen von dem Protest auf der Straße? Welche Möglichkeiten hat die feministische Kritik im digitalen Raum?

Tine: Flyer verteilen ist ein bisschen out. Wir versuchen über Blogs und Social Media Inhalte zu verbreiten. Und denken darüber nach, wie man das ansprechend gestaltet. Im digitalen Zeitalter bieten Blogs aber auch Serien einen Anknüpfungspunkt, um Leute an Themen heranzuführen, zu politisieren oder auf etwas aufmerksam zu machen. Wir haben uns im Workshop speziell auf Populärkultur bezogen, weil das etwas ist, wo die breite Masse andocken kann. Die Angebote müssen cool sein und sich an einen gewissen Lifestyle orientieren. Leute, die noch nicht politisiert sind, finden das sonst einfach gähnend langweilig irgendeinen Aufruf oder einen Text oder irgendwas zu lesen. Das muss stylish sein, das gehört einfach zu dieser individualisierten Gesellschaft dazu.

hate: Was wünscht du dir in Sachen Popkultur?

Tine: Ich erwarte mir nicht nicht viel. Aber sie kann politisieren und Anknüpfungspunkte bieten, sich trauen zu sagen, ich bin Feministin.