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Prost Donald! Auf einen Cocktail im Trump® International Hotel & Tower in Panama

Weder das Land Panama noch der US-amerikanische Präsident Donald J. Trump haben zur Zeit den besten Leumund. Was liegt also näher als ein Besuch im Trump® International Hotel & Tower Panama?

Es ist Sabbat und die Avenida Italia menschenleer. Wie immer am Nachmittag fällt warmer Regen. Es riecht nach Ebbe und dem Fischmarkt auf der anderen Seite der Bucht. Zwischen den Apartmentanlagen liegen Vierecke dunkelgrüner Rasenflächen, über den Parkbänken wuchern Luftwurzeln. Jemand hat mir gesagt, das Trump Hotel sei eigentlich auf Sand gebaut. Ich weiß nicht, ob das stimmt, jedenfalls erwarte ich beim Näherkommen ein Zeichen der Größe, etwas Ehrfurchtgebietendes. Im Hotelzimmer habe ich gerade gelesen, dass der (oder das?) Trump® International Hotel & Tower Panama das höchste und größte Gebäude Zentralamerikas sei.

Beim Lesen habe ich kurz gestutzt, denn über den Unterschied der beiden Superlative habe ich mir nämlich noch nie Gedanken gemacht. Also aufgemerkt: tallest und largest, wenngleich der Turm die Höhenwertung nur ganz knapp und nur wegen einer Antennenspitze gewinnt. Und um gleich zur unvermeidlichen Anspielung auf den Schwellkörper zu kommen: Auf der Hotelseite steht in der Tat der Satz: Trump’s sleek design evokes a majestic sail fully deployed in the wind. Also halte ich Ausschau nach einem (geschwollenen) Segel hoch über mir und höher und breiter als die ohnehin schon sehr hohen und sehr glitzernden Apartmenthäuser auf dem Boulevard Pacifica, aber als wir dann vor dem Hotel stehen, ist doch alles wenig spektakulär.

Zuerst denke ich, wir seien von der falschen Seite gekommen, denn in der Auffahrt sieht man nicht einmal die schwarz glänzenden Luxuskarossen, die sonst vor jedem Fünfsternehotel stehen. Zwei, drei breitschultrige Männer in sandfarbenen Polyestersakkos schlendern ohne erkennbare Aufgabe vor den Glasschiebetüren herum und ein Funkgerät knistert. Irritierend freilich ist die Plastik namens „Big Foot“ in der Lobby: Ein auf dem Rücken liegender Riese mit großen Füßen.

Wir wollen zunächst zum Pool Deck. Vom 13. Stock aus soll es nicht nur einen grandiosen Blick über den Pazifik geben, sondern dort befindet sich auch das Restaurant „Azul“[1]. Durch ein kleines Einkaufszentrum kommen wir zur dem Pazifik zugewandten Terrasse, wo, laut einem der sandfarben gekleideten Angestellten, der Aufzug schon warte. Vom erwartenden Bling Bling der Geschäfte ist nicht viel zu sehen: Eine Geldwechselstube erinnert an einem Drittweltlandgrenzübertritt, ein Reisebüro zeigt die üblichen frisierten Sandstrandfotos und sonst stehen recht viele Ladenlokale leer, vor den Eingängen hat sich Regenwasser angesammelt.

Auf den Betontreppen neben der Terrasse lümmeln Hotelangestellte und rauchen, ohne uns zu beachten. Der Aufzug liegt recht versteckt und ist schmal. Zur Auswahl steht ein einziger Knopf. Kaum berührt, schließen sich die Türen und mit recht unvermittelt einsetzendem Druck bewegt sich die Kabine. Anders als in Berliner Aufzügen riecht es nicht nach Urin. Oben halten wir ebenso abrupt an. Wir stehen auf einem Betonsteg, der aufs Betondeck führt, über dem das Betonsegel (die restlichen siebenundfünfzig Stockwerke) schwillt. Freilich fragen wir uns nach ein paar schnellen Blicken, ob das wirklich schon alles ist.

Die Hälfte der versprochenen Poollandschaft[2] ist ohne Wasser, Sand hat sich auf dem Beckenboden gesammelt. Rosttränen laufen von den Stahlträgern über die Betonpfeiler hinab. Zwei amerikanische Touristinnen mit roten Schulterblättern und ansonsten sehr weißer Haut steigen in den einzigen funktionsfähigen Infinitypool und schauen beim Schwimmen in den Nachmittagshimmel über der Bahía de Panamá. Auf dem Wasser schaukeln Badenudeln, die der verzogene Nachwuchs panamaischer Oberschichtsfamilien nebst dunkelfeuchten Kinderfußabdrücken auf den Fliesen des verwaisten Decks achtlos zurückgelassen hat. Drei Kellner in Hemden, die wohl International Klein Blue blau sein sollen, lehnen gelangweilt hinter dem Tresen. Aus den Lautsprechern an der kahlen Betonwand kommt eine Art Techno, doch man hört eigentlich nur überpräsente Höhen, Geschepper und das Pfeifen des Windes[3].

Ich will kein Risiko eingehen und bestelle einen Mojito. Nachdem der Kellner etwa fünfzehn Minuten in der knisternden Kühltruhe herumstochert, eröffnet er mir, dass es keine Minze gibt. Unterdessen hat meine Begleitung ihre Amapola bekommen, die alkoholfreie Variante der Piña Colada. Amapola heißt eigentlich Mohn, den es aber in Südamerika nicht zu kaufen gibt. (Kleine Randnotiz: Das ist übrigens der Grund, warum alpenländische Restaurants, die etwas auf sich halten, hier keine Germknödel anbieten.) La Amapola ist auch der Ringname der einen Meter und sechzig Zentimeter großen mexikanischen Wrestlerin Guadalupe Ramona Olvera. Weshalb in Panama die alkoholfreie Piña Colada Amapola heißt, können wir nicht herausfinden. Nach langem Abwägen entscheide ich mich für den Tropical Trump®.

Als die orangefarbene Flüssigkeit schließlich meine Lippen benetzt, hält mich etwas zur Wachsamkeit an. Mir ist so, als verflüssigten sich die Phallussymbole um uns herum, als würde etwas von der anrüchigen Macht, von Trumps bizarrer Leiblichkeit[4] auf mich übergehen, als zöge mich der erste Schluck schon auf die dunkle Seite der Macht, als bekäme ich im Gegenzug etwas von der Virilität ab, in deren Schatten (im Schatten des geschwollenen, 57-stöckigen Betonsegels) hier ja alles steht. Ich wische die Bedenken beiseite und trinke tapfer weiter. Der Drink wird im Plastikbecher serviert und ist überladen mit künstlichen Tropenfruchtaromen. Von ganz weit schmeckt im Abgang billiger Rum durch[5].

Schließlich bestellen wir etwas zu essen, und zwar einen Quinoa Tabouleh Salat für 9,50 US-$ und ein Panamanian Seafood Ceviche für 13 US-$ (beides Vorspeisen). Der Salat war soweit in Ordnung, aber vom Ceviche hatten wir mehr erwartet. Vor allem weil Panama neben der Geldwäsche (Schon der SPIEGEL enthüllte dereinst wacker: „Es ist aber auch das Paradies der Steuersünder und Briefkastenfirmen-Betreiber.“) eigentlich nur noch Meeresfrüchte im Angebot hat. Wobei es nicht an den Meeresfrüchten selbst liegt, sondern an der viel zu süßen roten Soße, in der alles schwimmt, sodass vom Eigengeschmack des Tintenfischs und des Korianders nichts übrig bleibt. Während ich noch im Ceviche herumstochere, durchfährt mich eine jähe Erkenntnis: Die Regenpfützen im Einkaufszentrum, das Süße und Klebrige in den Drinks und über den Ceviche, die Rosttränen, der leere Pool (das Wasser, das nicht zurückgehalten werden kann): es sind allsamt Flüssigkeiten, die die so mühsam erigierte Betonfassade bedrohen!

Gerade bemühe ich mich, diese Einsicht in der tropischen Hitze ein wenig zu sortieren, als der Kellner uns noch einmal die Karte bringt. Ein panamaisches Pärchen setzt sich an den Nachbartisch. Die junge Frau ist in ihr Smartphone versunken und hat jenen gelangweilten Ausdruck um die geschwollenen Lippen, der nur Lateinamerikanerinnen beim Betreten einer Bar gelingt. Mir fällt auf (oder besser: mir springt ins Auge), dass die Frau zwei sehr unterschiedlich große Brüste hat, so als wäre die Brustvergrößerung oder die Brustverkleinerung auf halbem Wege abgebrochen worden. Kurz denke ich an die Geschichte der Münchner Frauenkirche und an den zur tragischen Unvollendung führenden Geldmangel, dann wende ich peinlich ertappt den Blick ab. Der Begleiter trägt ein lachsfarbenes Ralph Lauren Polohemd und starrt in den auberginefarbenen Abend. Nicht selten zieht er die Nase hoch und runzelt sie dann, Schweiß glitzert auf der Oberlippe. Beide bestellen Tropical Tumps® und sprechen wenig. Das Hauptgericht essen wir woanders.

  1. [1] Azul Pool Bar & Grill is a fun ocean view dining restaurant in Panama City, Panama with poolside food and drink featuring not only traditional poolside fare such as All-American burgers but also lean cuisine for the health conscious.
  1. [2] „At this Panama luxury hotel, five pools sparkle like sapphire jewels, luring guests to rest in private cabanas (sic!), or splash in the waters.“
  1. [3] POOL DECK. The social hub of Trump® International Hotel & Tower Panama
  1. [4] Trumps Körper verdiente genauere Betrachtung. Von Nietzsche wissen wir um das Phänomen des Abblühens von Kunststilen. Dieses tritt ein, wenn eine Epoche ihre Ausdrucksmittel erschöpft hat und diese nicht mehr übertroffen werden können. Das ‚klassische‘ Ausdrucksmittel im Bereich ‚Körper‘ ist die barocke Leiblichkeit (Franz Josef Strauss, Diego Armando Maradona, Sigmar Gabriel). Es kann nicht mehr übertroffen werden. Die WASP-Leiblichkeit (Donald Trump, Angela Merkel) mit ihrer Betonung des Huftbereichs ist eine Art Vulgarisierung angesichts des Abblühens der barocken Leiblichkeit. Silvio Berlusconi dürfte eine Zwischenstellung einnehmen.
  1. [5] Ich glaube, er hat 8 US-$ gekostet.

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