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So war es auf der Friedenskonferenz der Guerilla FARC in Kolumbien

Der 2. Oktober 2016 sollte in Kolumbien eigentlich ein historisches Datum werden. An diesem Tag fand ein landesweites Referendum über das Friedensabkommen mit der Guerillagruppe FARC statt. Doch dazu kam es nicht, denn es wurden mehr NEIN-Stimmen abgegeben. Damit hatte die FARC nicht gerechnet: Eine Woche vorher veranstaltete die älteste Guerilla Lateinamerikas in ihrem Kernland, den Llanos de Yarí tief im kolumbianischen Amazonas-Dschungel, ihre erste öffentliche Konferenz. Unser Autor Stefan Krauth war dabei.

Foto_Stefan Krauth

I.

Als ich die Augen aufschlage, sehe ich auf dem Flugzeugtrolley neben mir das rote Logo von Air Tahiti. Ich in mit einem Propellerflugzeug der staatlichen kolumbianischen Fluggesellschaft Satena auf dem Weg nach Florencia. Seit dem amtlichen Friedenstaumel trägt sie den Firmenslogan La Aerolinia de la Paz – Die Fluglinie des Friedens. Beim Landeanflug auf das Tor zum Amazonas ist vom gleichnamigen jedoch Strom nichts zu sehen.

Der Souvenirshop am Flughafen scheint nichts anderes als hölzerne Riesentukane zu führen. Etwas öde aber der Tourismusbehörde (oder wer auch immer den verwaisten Laden unterhält) ist offensichtlich nicht sehr viel besseres eingefallen, als die Hauptstadt des kolumbianischen Departamentos Caquetá mit einem prägnanten Maskottchen zu verbinden. Wenn man sich bei Wikipedia schlau macht, heißt es über das Ziel meine Reise: „Die Sicherheitslage in Caquetá ist derzeit schwierig. De facto kontrolliert die Provinzregierung lediglich die Hauptstadt und einen Bereich von ca. 60 km nach Norden und Süden.“ Das ist nicht viel, denn eigentlich hat Caquetá immerhin eine Fläche von 89.000 km und ist damit größer als Österreich. Die einzige Stadt, die den Namen auch verdient, ist Florencia mit rund 150.000 Einwohnern – und da stehe ich nun also und versuche auf der Landstraße vor dem Flugplatz ein Taxi anzuhalten.

Wenn es nach der Deutsche Botschaft gegangen wäre, dürfte ich gar nicht hier sein. Das hatte sie mir aber erst geschrieben, als ich das Flugticket schon gekauft hatte. Überhaupt hat unsere Auslandsvertretung geschlagene vier Tage gebraucht, um den allgemeinen Sicherheitshinweis der Homepage des Auswärtigen Amts in eine E-Mail zu kopieren. Dabei hatte ich mir extra die Mühe gemacht und dem Botschaftsmitarbeiter am Telefon gesagt, dass ich zur Konferenz der Guerillagruppe FARC-EP (Bewaffnete Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens – Volksarmee) möchte und hatte ihn gefragt, ob er Genaueres zu den Gefahren der Anreise wisse. Wusste er nicht.

Vielleicht auch ganz gut so, denn ich hätte ihm schließlich auch gar nicht sagen können, wo genau ich mich aufhalten werde. Die Jefatura de Prensa, das Pressepräsidium der FARC, hatte mir und anderen Journalisten eine Whatsapp-Nachricht geschickt, in der stand, wie ich den Weg zur Konferenz finden würde: von Florencia aus sollte ich den 150 km weiter entfernten Ort San Vicente del Caguán fahren und mit dort einen Geländewagen nebst Fahrer organisieren und mit diesem die etwa 6-stündige Fahrt antreten.

Apropos WhatsApp: Die erste Nachricht, die mir die Jefatura de Prensa schickte, war das sogenannte Kommuniqué Nr. 6. Darin stand, dass alle anreisenden Journalisten sich keine Sorgen um die Gerüchte machen müssen, dass die ELN (die konkurrierende Schwesterguerillaorganisation) die Anreise stören würde – wobei mir nicht ganz klar war, was 2stören“ in diesem Zusammenhang bedeuten sollte. Weiter hieß es: „Wie wir alle wissen, hat vor wenigen Tagen erst der Commandante Gabino zum Ausdruck gebracht, dass das ELN die Entscheidungen der FARC im Friedensprozess respektiere.“

Die Straße von Florencia nach San Vicente war noch asphaltiert gewesen, Spähpanzer der kolumbianischen Armee und zahllose Checkpoints hatten die Landstraße gesäumt. (Irgendwo zwischen Florencia und San Vicente, hatten die FARC im Jahr 2002 Íngrid Betancour, die Präsidentschaftskandidatin der Grünen Partei entführt.) Doch gleich hinter San Vicente, wo die asphaltierte Straße in eine Staubpiste übergeht, steht am Straßenrand nur noch eine Art Wehrturm aus Sandsäcken als letzter Außesposten, danach scheint die Regierung das Land aufgegeben zu haben. Ein bis an die Zähne bewaffneter Soldat tritt aus dem Baumschatten, zeigt uns mit einer Handbewegung, dass wir anhalten sollen und verschwindet mit unseren Ausweisen. Als der Fahrer den Motor abstellt, höre ich das Funkgerät knistern und rauschen. Ein paar Minuten später kommt der Soldat mit meinem Pass zurück und fragt mich mit einem spöttischen Grinsen: „Nach El Diamante?“ El Diamante ist eine Bretterbude, die eine Bäckerei und Restaurant beherbergt (oder die Ortsbezeichnung für das umliegende Stoppelfeld an der Grenze zwischen den Departamentos Caquetá und Meta, genau habe ich es nie herausgefunden). Dort wird am nächsten Tag die zehnte Konferenz der FARC stattfinden, es soll ihre letzte unter Waffen werden. Die 200 Delegierten, zuvor von den etwa 5700 Kämpferinnen und Kämpfern gewählt, beraten und beschließen nach 52 Jahren Krieg über die Auflösung der Guerillaorganisation und den Übergang in eine legale politische Organisation.

Während der Fahrer über Schlaglöcher und durch die Pfützen rast, klammere ich mich am Gestänge des Verdecks fest. Rechts von mir fallen die Andenkordillere steil ab. Links liegt die unendliche grüne Ebene, hinter der irgendwo wirklich der Amazonas liegen soll. Stundenlang geht es so weiter, es ist, als würden wir auf der Stelle fahren und die Savannenkulisse immer wieder aufs Neue neben uns aufgebaut werden, nichts im Landschaftsbild ändert sich. An einer der seltenen Weggabelungen stellt sich schließlich heraus, dass der Fahrer den Weg nicht wirklich kennt. Er war seit zwanzig Jahren nicht mehr in der Gegend und selbstverständlich haben wir seit Stunden keinen Handyempfang mehr. Während wir anhand des Sonnenstands die richtige Abzweigung zu bestimmen versuchen, kommt uns aus dem Nichts heraus ein Motorradfahrer entgegen. Nach dem Weg gefragt, hebt er erst zweimal die Linke, dann die rechte Hand. Das soll wohl heißen, zweimal links abbiegen, danach rechts, aber richtig sicher sind wir uns nicht und plötzlich ist dunkel. Ich stelle mich gerade auf eine Nacht auf der Ladefläche ein, als weit vor uns am Horizont plötzlich Lichter funkeln. Der Fahrer nuschelt sichtlich erleichtert etwas von El Diamante.

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II.

Auf den ersten Blick wirkt die FARC-Konferenz wie ein durchschnittliches Musikfestival: Auf einem Stoppelfeld steht eine riesige Bühne mit drei Leinwänden und meterhohen Lautsprechertürmen, daneben stehen drei Festzelte: ein Restaurant, das Pressezelt mit Arbeitsplätzen (und Mehrfachsteckdosen!) und eins mit Hunderten Stockbetten, dahinter eine lange Reihe Dixieklos. Genau wie bei den Pfingstlagern der evangelischen Jugend riecht es nach feuchten Zeltwänden. Beim Abendessen schwärmt der Ingenieur, der den Aufbau geleitet hat, von der Disziplin der Guerilleros. „Überall in Kolumbien hätte das ein halbes Jahr gedauert, aber die haben das in zwei Wochen hinbekommen.“ Eine Band ist gerade beim Soundcheck. Die Stimme aus der Verstärkeranlage und die Trommeln des Schlagzeugs hallen vom Wald zurück. Kurz vergesse ich, dass ich hier mitten im Dschungel, weit weg von der nächsten Stadt, ja sogar der nächsten Straße bin. Um mich zu akklimatisieren beschließe ich sofort mehrere Biere zu trinken. Zu meiner großen Erleichterung sind die Kühlvitrinen gut gefüllt: Águila, Poker, Club Colombia und sogar Absolut Wodka finden sich dort.

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III.

Der nächste Tag beginnt um 7 Uhr mit der Eröffnungsrede des Vorsitzenden Timeón Jiménez. Er spricht davon, dass der Krieg weder Sieger noch Verlierer hervorgebracht habe. Jetzt sei die Zeit gekommen, die Waffen niederzulegen und den Kampf für eine gerechteres Kolumbien mit Worten fortzusetzen. Ich höre aber nur mit halbem Ohr zu, denn das Outfit eines älteren Guerillero lenkt mich ab. Es sind nicht die Gummistiefel, die olivfarbene Armeehose, die olivfarbene Mütze, die mir auffallen, sondern sein Bayern-München-Tshirt. „Mia san mia“ lese ich auf seinem Rücken. Kurz überlege ich, ihn anzusprechen, schließlich bin ich in Hörweite des Olympiastadiums aufgewachsen, aber wahrscheinlich wird es sich nicht schicken, in die historische Rede so hineinzufahren, denke ich mir, zumal er sehr konzentriert zuhört.

Die siebentägige Konferenz selbst ist, anders als ich angenommen hatte, für die Presse nicht zugänglich. Die Zustimmung zum vier Jahre lang in Havanna ausgehandelten Friedensvertrag wird also im Geheimen ausgehandelt. Im Pressezelt sitzen derweil die Teams von Wall Street Journal, Thomson Reuters und El País und tippen ihre Berichte der frühmorgendlichen Rede eifrig in die Tasten oder sprechen, konzentriert im Kreis gehend, in ihre Satellitentelefone, die in etwa so handlich sind wie die Nokias der Wichtigtuer der ersten Handy-Generation. Ins Netz gehen ist kostspielig: 15 Minuten Internet kosten hier 800 US-Dollar. Aber mich interessiert der Pressezirkus ohnehin nicht sonderlich. Ich will mit den Guerilleros reden und für die deutschsprachige Leserschaft herausfinden, was sie zur Guerilla gebracht hat, was sie vom Frieden erwarten und was nach Jahrzehnten im Dschungel kommt. „Zivilisiertes“ Leben?

Foto: Stefan Krauth

IV.
Das wollen aber auch noch andere wissen. Fotografen und Kamerateams stolpern über die Wurzeln auf den Pfaden des mit einem Mal öffentlich zugänglichen Guerillacamps — und alle sind bemüht möglichst authentische Aufnahmen zu bekommen oder so authentisch es eben geht: Weil sich manmchal mehr Journalisten als Guerilleros auf den Lichtungen und vor den Zelten drängeln, scheuchen sich erstere gegenseitig aus dem Weg, damit später nichts darauf hinweist, unter welch absurden Umständen die Fotos eigentlich entstanden sind: Guerilleros beim Wäschewaschen, beim Kochen über dem offenen Feuer, beim Baden im Fluss, beim Schlachten einer Kuh und beim Zerlegen und Reinigen einer Pistole, immer umringt von Kamerateams und wehe ein Mikrofonkabel, ein Teleobjektiv oder eine Fotografenschuhspitze ragt ins Motiv. Aber so war das eben von der FARC gewollt: Dem schlechten Ruf der Guerilla wollen sie mit diesen kontrollierten Einblick ins Alltagleben eines Camps etwas entgegensetzen.

Ich verzichte auf Fotos. Nur mit Notizbuch und Bleistift bewaffnet schlendere ich weiter in den Dschungel. Affen springen über mir von Ast zu Ast, tagaktive Gelbfiebermücken summen verdächtig nahe meiner verschwitzten Ohren und nach ein paar Schritten ist die Guerillaromantik gleich wieder da. Tiefer im Wald soll außerdem ein Jaguar leben.

Im Dschungel verstreut und tatsächlich sehr gut versteckt befinden sich die Unterkünfte: tarnfarbene Planen als Dach und Seitenwände, abgestützt von Ästen, an denen Rucksäcke und augenscheinlich echte Kalaschnikows hängen, eine Holzpritsche zum Schlafen, ein Moskitonetz. Ich bin noch etwas zurückhaltend, schließlich laufe ich ja an fremden Schlafzimmern vorbei. Auf dem Weg zum Fluss kommt mir ein Guerillero mit nacktem Oberkörper entgegen, das Handtuch über die Schulter geworfen, grüßt er freundlich. Eine gut inszenierte Authentizität, denn später erfahre ich, dass die etwa 100 Guerilleros in diesem Camp anlässlich der Konferenz erst hierher verlegt, wahrscheinlich sogar ausgewählt wurden, der Presse Rede und Antwort zu stehen. Die anderen Camps weiter oben im Wald sind offiziell nicht zur Besichtigung vorgesehen.

Als ich weitergehe, komme ich an zwei auf den Pritschen ihres Lagers ruhenden Kämpferinnen vorbei. Sie tuscheln und schauen mir doch sehr neugierig hinterher, man könnte also von einer wechselseitigen Zoosituation sprechen. Soll ich an die Plane klopfen und mein Notizbuch zücken, bevor die Kamerateams weiter vordringen und alles kaputtfragen? Ich beschließe, erst einmal in die Küche zu gehen.

Beim Kochen über dem offenen Feuer stelle ich mich etwas ungeschickt an. Verschämt kippen ich das aus dem Trinkwasserspender im Pressezelt mitgebrachte Wasser in den Nudeltopf, denn dem Flusswasser traue ich nicht. Der Guerillero der gerade Küchenschicht hat, schüttelt den Kopf und sagt: „Das reicht nie!“ Mit beherzten Schritten klettert er zum Fluss herunter und füllt unseren Topf auf. Später wird er ebenso beherzt große Mengen Salz über den Dosentunfisch kippen und dann alles mit bloßen Händen umrühren. Während ich das Ergebnis aus einem Blechnapf löffle, geht ein Scheinwerfer an und mit etwas zehn Zentimeter Abstand zu meinem Gesicht richtet sich eine Fernsehkamera auf mich. Ausländischer Kämpfer in den Reihen der Farc beim Mittagessen gesichtet? Ich gebe zu verstehen, dass ich beim Essen nicht gefilmt werden möchte und werde in Ruhe gelassen. Dafür bekommt eine der kochenden Guerilleras ein Mikro an ihre Uniformjacke gesteckt und drei Fragen entgegengebrüllt:

„1. Wie willst du den Sozialismus erreichen?“
„2. Bereust du etwas?“
„3. Kannst du uns dein Lieblingslied vorsingen.“

Währenddessen zieht die Fotografin der Los Angeles Times ihre 20.000-Dollar-Ausrüstung im Rollkoffer hinter sich her. Die Rädchen bleiben an einem Bambusrhizom hängen, der Koffer droht in der Nähe der Uferböschung umzustürzen. Panik huscht über das erhitzte Gesicht. Satt und zufrieden beginne ich Gefallen an der Konferenz zu finden, zumal die Befragte sich weigert, Kochlöffel rührend zu singen.

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V.

Zur darauffolgenden Pressekonferenz komme ich zu spät. Vor mir ist ein dichter Stativwald aufgebaut, die Fragen sind kaum verständlich, dafür aber tönt die Stimme des Pressesprechers umso lauter als er den ersten Konferenztag zusammenfasst. Wahrscheinlich wollte jemand wissen, ob das Zentralkomitee einen Plan B habe, was also geschehe, wenn die Delegierten am Ende der sieben Tage dem 297 Seiten umfassenden Friedensvertrag nicht zustimmen.

Mein eigentlich schlechter Sitzplatz erweist sich im Nachhinein als Glücksfall. Denn nach vorne gebeugt, durch die Stativschenkel hindurch, kann ich dann eine wirklich interessante Beobachtung machen: Die älteste Guerilla Lateinamerikas im Moment ihrer Transformation von einer militärisch-politischen zur politisch-legalen Organisation. Es wurde viel über diesen Moment gesprochen und geschrieben, aber ich hatte, wohl aufgrund meiner eigentlich doch unglücklich gewählten Sitzposition, das Glück diese Transformation wirklich sehen können. Der Tisch teilt den Pressesprecher nämlich in zwei Hälften. Unten ist er Guerillero: breitbeinig, mit lehmverschmierten Gummistiefeln, Tarnhosen, aber oberhalb des Tischs mit den Mikrofonen zeigt sich dann schon die neue Organisation: Akkurat gescheitelt, das weiße Konferenz-T-Shirt mit dem Scherenschnitt des Konferenzlogos tragend, rasiert und vor allem: er beherrscht bereits die Politikerkunst auf Fragen minutenlang zu antworten, ohne etwas zu sagen. Unterdessen sitzen unten im Schlamm der Savanne noch der ungehobelten Guerilleror und scharrt mit den Stiefeln.

Im Anschluss beginnt das Kulturprogramm. Sonderlich ausführlich ist das allerdings nicht: Von 19 bis genau 21 Uhr abends findet auf der großen Festwiese das Kulturprogramm statt, denn die Guerilla steht früh auf. Die Band ¡Alerta Kamarada! spielt, junge Guerilleros in Gummistiefeln tanzen, ältere Guerilleros sitzen auf Plastikstühlen und schauen skeptisch. Mittendrin Pressevertreter, die teils nur gucken, teils die linke Faust mit in die Luft recken. Esteban, ein junger Guerillero aus einem der umliegenden Camps, klettert auf die Bühne und tanzt und reimt im aufbrausenden Jubel und natürlich in Gummistiefeln über sein Gewehr, das jetzt schweigen wird und den Frieden. Das alles kann man längst auf Youtube sehen, genauso wie die Fahne der Unión Patriótica, die ausdauernd die ganze Zeit über geschwenkt wird, zuerst am Rand, dann wird der Fahnenträger zentral vor die Bühne gelotst, damit die Kamera das symbolträchtige Motiv einfangen können. Eine zweifach gespiegelte Inszenierung, dennoch bleibt es ergreifend, berücksichtigt man die Geschichte der Unión Patriótica, die 1985 im Zuge der damaligen Friedensverhandlungen als legaler Arm und Partei der Guerilla gegründet wurde — und deren Mitglieder und Funktionäre in den folgenden Jahren systematisch ermordet wurden. Eigentlich hat keiner, der sich für die UP öffentlich zeigte, überlebt. Alle wurden sie von Drogenhändlern, von Paramilitärs, von Angehörigen des Inlandsgeheimdienstes oder einfach von Kindern, denen man eine Waffe in die Hand gab, umgebracht.

Neben mir wird eine Guerillera mit langen schwarzen Haaren von Kameras umringt. Ich erkenne Alexandra Nariño (bürgerlich Tanja Nijmeijer), eine Holländerin, die seit 2002 in den Reihen der FARC kämpft („Vom Reihenhaus in den Dschungel“, titelte einst der Freitag.) Im Herbst 2007 hatte die Wochenzeitschrift La Semana Auszüge ihres Tagebuchs veröffentlicht, das bei der Eroberung eines FARC-Camps in die Hände der Armee gefallen war. Die niederländische Guerillera beklagte sich darin bitter über die Monotonie des Lagerlebens, die Einfalt der Kommandanten und die mangelnde Bereitschaft der Guerilleros, Kondome zu verwenden, also über all das, was westeuropäischen Linken am Dschungelalltag stören dürfte. Dennoch ist sie, deren Tod 2010 schon vermeldet wurde, schnell in der Rebellenorganisation aufgestiegen und war in Havanna maßgeblich an den Verhandlungen des Friedensabkommen beteiligt. In hochhackigen Schuhen und hochgekrempelter Jeans posierte sie damals vor den verfallenden Wänden in Kubas Hauptstadt, heute trägt sie wieder Gummistiefel und Tarnhose. Da sie an der Entführung von drei US-amerikanischen Staatsangehörigen, die die Lage von Kokafeldern ausgekundschaftet hatten, beteiligt gewesen sein soll, fordern die USA ihre Auslieferung. Im Fall ihrer Ergreifung drohen ihr dort bis zu 60 Jahren Haft. Aber jetzt steht sie ein paar Schritt neben mir, umarmt lachend und scherzend Genossinnen, als reiche der lange Arm der US-Justiz nicht nach El Diamante.

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VI.

Am nächsten Tag komme ich doch noch zu den Interviews. Ich sitze auf einem tarnfarbenen Schemel vor einer der Unterkünfte. Sind die Guerilleros erstmal aufgetaut, erzählen sie gerne und ausführlich, was sie einst bewegte sich den Rebellen anzuschließen und was sie nun nach bis zu 20 Jahren im Dschungel vom Leben ohne Waffe erwarten. Fast alle kommen aus Bauern-Familien und sind im Alter von 14, 15 Jahren zu den FARC gegangen. (Auf dem Land ist man in Kolumbien noch heute in dem Alter erwachsen.) Den Staat haben sie als Feind kennengelernt, der ihnen zusammen mit den Großgrundbesitzern das Leben zur Hölle machte. „Es gab keine Alternative“, oder „Es war selbstverständlich“, hören wir immer wieder. Wie es in Zukunft mit ihnen weitergeht? Alle sagen, dass sie studieren und sich in die Partei einbringen wollen, die aus der FARC entstehen wird.

Obwohl sie also über Jahre abgeschnitten von ihren Familien im Dschungel lebten, äußern sie nicht einmal den Wunsch, dorthin zurückzukehren, wo sie aufwuchsen. Sätze wie „Die Partei wird mich dort hinschicken, wo ich am meisten gebraucht werde.“ oder „Wir demobilisieren uns nicht, wir ändern nur die Form des Kampfs für eine gerechteres Kolumbien.“ wirken einstudiert. Dass man all das auch als Kapitulation sehen kann, dass man die Zonen der Transformationen und Normalisierung, in denen sich die Guerilleros versammeln sollen, um die Waffen abzugeben, auch als Gefängnis unter offenem Himmel bezeichnen könnte, wie es etwa die ELN tut, davon ist keine Rede. Ob sie ahnen, dass das Friedensabkommen abgelehnt werden wird?

In den Verlautbarungen und Friedensparolen hat die Guerillaführung die einfachen Guerilleros offenkundig nicht auf ein NEIN bei der Abstimmung eingestellt, sie selbst aber scheint damit gerechnet zu haben, denn sehr schnell kamen am nächsten Tag die Beteuerungen, am Frieden festhalten zu wollen. „Der Frieden in Würde ist gekommen, um zu bleiben“, heißt es etwa ein einem der WhatsApp-Kommuniqués des Zentralkomitees vom 3. Oktober.

Zugleich geben sich die Guerilleros keinen Illusionen hin. Weder über das Ansehen, das die FARC in der kolumbianischen Bevölkerung haben, noch über die ganz reale Gefahr, die von den Paramilitärs ausgeht, wenn einmal die Waffen niedergelegt sind. Aldemar, ein 38-jähriger Guerillero, der seit seinem 15. Lebensjahr bei der FARC ist, hat die Hoffnung, dass es jetzt wo die internationale Gemeinschaft den Friedensprozess überwacht, besser laufen könne als damals mit der Unión Patriótica.

Einmal werde ich als Journalist aus dem fernen Deutschland, der es doch wissen müsse, gefragt, ob es dem Präsidenten Santos ernst sei, ob man ihm diesmal vertrauen könne und die Sicherheit garantiert sei, wenn einmal die Waffen abgegeben sind. Mir fällt nicht viel ein. Ich muss die Folgen der Einschätzung ja nicht tragen, sondern sitze bald wieder in Deutschland am Schreibtisch, wo sich leicht über die Garantien der Internationalen Gemeinschaft schreiben lässt. Die Führung jedenfalls hat von oben die Friedenslosungen durchgegeben, die Guerilleros haben zu folgen.

Eine meiner vorbereiteten Fragen war, ob sich das Blutvergießen der letzten Jahrzehnte gelohnt habe. Also ob Kolumbien nach 52 Jahren Krieg und mehr als 250 000 Toten ein gerechteres Land sei. Was ist mit der Frage nach dem Land, denn in Kolumbien dreht sich letztlich alles darum, dass die Ländereien in der Hand einiger weniger Familien sind, die zugleich die politische Klasse stellen. In den letzten Jahrzehnten ist das Gegenteil davon eingetreten, wofür die Guerilla doch kämpfen wollte. Aber diese Frage stelle ich nie, sie kommt mir, gegenüber den Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, falsch vor.

Eine habe ich dennoch: Es hat ja auch auf Seiten der Guerilla so viel Tote gegeben, vor allem während der durch die USA unterstützten Luftangriffe. Wie wird nun getrauert? Staaten haben ihr Heldengedenken, ihre Reden und Gedenkstätten, aber wie macht die Guerilla das in ihrem Versteck?

Adriana ist 32 Jahre alt und bei der FARC seit sie 17 ist. Darauf angesprochen lacht sie und gibt ihrer Nachbarin die Schuld, die „etwas ausprobieren wollte.“ Sie kommt aus dem Departamento Guaviare, weiter im Osten, Richtung Venezuela. Dort waren die FARC immer präsent. „Warum tragt ihr alle Waffen?“, hat sie einmal gefragt und sie hätten es ihr erklärt – so sei sie zur Guerilla gekommen. Mit der Entscheidung hat sie nie gehadert.

Ihre Familie hat sie im ersten Jahr noch einmal gesehen, danach nicht mehr, zu groß ist die Gefahr, dass der Feind sich an ihren Angehörigen rächen könnte. Die ersten Nachrichten zu den Friedensverhandlungen habe sie mit „Freude, Sehnsucht und Sorge“ aufgenommen. „Am Ende habe ich mich aber von der eigenen Führerung verraten gefühlt. Sie haben von Waffenstillstand gesprochen, aber die Patrouillen haben uns ständig verfolgt, zwei Monate waren wir in Bewegung und mussten dauernd das Lager wechseln, immer kreuzte die Armee.“ Sie hat in der 52. Frente gekämpft, immer weiter hinauf seien sie gekommen, bis über die Baumgrenze ins Páramo, um wieder Funkkontakt zu anderen Einheiten herstellen zu können. Und das politische Projekt? Ich höre die schon bekannte Antwort: Sie will sich einbringen in die Partei und Öffentlichkeitsarbeit machen, in der „Normalisierungszone“ will sie studieren. „Kommunikation“, sagt sie, „Aber wir sind ohnehin gut ausgebildet. Wie haben hier Leute, die können Arme und Beine amputieren oder Schussverletzungen behandeln.“ Dabei legt sie sich die flache Hand auf den Bauch. „Ihnen fehlt nur das Diplom.“ Dann macht sie eine Bewegung als hielte sie im ausgestreckten Arm ein Stück Papier. Als wir wieder über das politische Projekt sprechen, sagte sie unvermittelt: „Es ist auch für alle, die wir auf dem Weg zurücklassen mussten. Wir vollenden ihre Ideen und ihr Projekt und so können sie weiterleben.“ Keine Armlänge von uns hängt ihr Gewehr, ein AK 47. Sie hat es seit 10 Jahren. Es wiegt acht Pfund. „Man gewöhnt sich an das Gewicht.“

Foto: Stefan Krauth

VII.

Am nächsten Tag sind noch mehr Journalisten im Camp. Beim Vorbeigehen höre ich wie die Guerilleros die immer gleichen Antworten auf die immer gleichen Fragen in die Kameras sprechen. Ich beschließe abzureisen. Ich möchte noch Interviews in Florencia führen, außerdem bekomme ich Fieber. Beim Abendessen oben im Pressezelt kommt es dann zu einer bizarren Situation, die wahrscheinlich stellvertretend für die mediale und sehr kolumbianische Inszenierung der Guerilla steht. Im Fernseher berichtet eine Reporterin des kolumbianischen Privatfernsehsenders Caracol vom Konferenztag. Kurz vorher habe ich gesehen, wie sie sich im Schlamm kniend geschminkt hat, den Spiegel an eine Zeltschnur gelehnt. Dann drehe ich mich zum Scheinwerferlicht um und sehe sie hinten im Zelt in die Kamera sprechen. Eine weitere Kopfdrehung später lächelt sie mir wieder aus dem Fernseher entgegen. Im Anschluss an ihren Bericht wird eine Aufzeichnung vom Nachmittag eingespielt: Ein Bauer aus der Gegend geht über das Konferenzgelände und hält unter Tränen ein Bild seiner Tochter in die Kamera. Sie ist bei den FARC, er hat auf ein Wiedersehen gehofft, aber die Guerilla lässt ihn nicht zu ihr, so die Erklärung des Senders. Ende, Werbeblock. In dem Moment beginnt mein Sitznachbar zu rufen: „Der ist glücklich, er hat uns lachend erzählt, dass er regelmäßig mit seiner Tochter telefoniert, sie aber wollte ihn nicht sehen! Das ist Manipulation!“. Er stellt sich mir als der Kameramann vor, der den Bauern am Nachmittag gefilmt hat.

VIII.

Der Bus nach San Vicente braucht neun Stunden. Es hat geregnet, ein Jeep ist von der Furt abgekommen und wir müssen ihn erst aus dem Fluss ziehen, um weiterfahren zu können. Der Begriff „Bus“ weckt völlig falsche Assoziationen, so als hätte ich während der Fahrt lesen oder schlafen können. Es ist ein Lastwagen, auf dessen Ladefläche ein paar Holzbänke angebracht sind. Man muss sich also am Gestänge festkrallen, um wegen der ständigen Schläge und Erschütterungen nicht von der Holzbank oder gleich ganz aus dem „Bus“ zu fallen. Am nächsten Tag habe ich an den Knien und am Ellbogen blaue Flecken. Nach ein paar Stunden kommen die Fieberschübe wieder, wahrscheinlich vom Flusswasser, vom dem ich dann doch getrunken habe. Nur mit Mühe gelingt es mir, mich festzuhalten. Es ist schon spätals plötzlich ein Toyota Pick-Up die Fahrbahn vor uns blockiert. Mit eingeschalteter Warnblinkanlage steht er da, mitten in der Nacht, überhaupt das erste Auto das wir seit dem Jeep im Fluss gesehen haben. Alle um mich herum werden nervös, denn es ist eine typische Entführungssituation — und die Paramilitärs hätten allen Grund, gegen die Konferenz vorzugehen und den verhassten Friedensprozess zu torpedieren. Ich klettere über den Reifen von der Chiva herunter und suche nach einem Fluchtweg: unter dem Zaun hindurch, auf die Weide und dann hinter den Baum. Ich stehe halb hinter der Chiva, beim ersten Anzeichen, das auf eine Entführung deutet, werde ich unter den Zaun hindurch kriechen und auf die Weide laufen. Das nehme ich mir vor und verfluche zugleich, ein helles Hemd zu tragen. Unser Fahrer geht auf den Toyota zu, alle scheinen den Atem anzuhalten, ich höre nur noch das Geschrei der Zikaden am Straßenrand. Doch es ist wirklich nur eine Panne. Gegen Mitternacht kommen wir endlich in San Vicente an. Im Hotel falle ich sofort ins Bett. Am nächsten Morgen erst lese ich irgendwo den Hotelnamen: Amazonia Real, also, je nach Übersetzung, das echte oder das königliche Amazonien.

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IX.

In Florencia treffe ich zwei Vertreter der Anthoc, der Gewerkschaft des öffentlichen Gesundheitssystems. Ich möchte mit ihnen über einen Anschlag sprechen, den wahrscheinlich Paramilitärs verübt haben: 2005 explodierte eine Bombe bei einem Gewerkschaftstreffen des Krankenhauses in Florencia. Ein Gewerkschafter starb, als eine der Styropordeckenplatten durch die Wucht der Explosion zerbarst und beim Herunterfallen die Halsschlagader des Opfers aufriss, 17 weitere wurden verletzt. Der 59-jährige Gewerkschafter Alfredo war damals dabei und zeigt uns in dem kleinen Büro im Krankenhaus die Fotos aus den Ermittlungsakten. Alles spricht für eine Verantwortlichkeit der Paramilitärs, das Verfahren ist aber bis heute nicht abgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft ist untätig: „Soviel zum Thema Straflosigkeit, dass die Gegner des Friedensvertrages immer anführen“, sagt er lächelnd, als er die Akte wieder ins Regal stellt. Er spricht sanft und überlegt. Mit seinem silbernen Haaren wirkt er eher wie ein Latein- und Deutschlehrer als ein aufrührerischer Arbeiterführer, vor dem sich die Mächtigen so fürchten müssten, dass sie ihm mit Sprengsätzen versuchen beizukommen. Bei der Versammlung damals wollte die Anthoc mit
Politikern über die Missstände im öffentlichen Gesundheitswesen sprechen, und wenige Minuten vor dem Eintreffen der Politiker explodierte dann die Bombe.

Auf seinem Smartphone zeigt er uns Bilder von verfallenen Krankenhäusern: „Die Gelder für die Gesundheit werden alle abgezweigt.“ Das Problem sei auch, dass die Großgrundbesitzer nichts investieren und nichts ändern wollten: „Auf dem Land sind die Ställe modernen als die Krankenstationen.“ Drei Tage, nachdem die Gewerkschaft den Gouverneur von Caquetá, Víctor Ramírez, 2014 über einen Korruptionsskandal stürzen ließ (es ging um den Ankauf von abgelaufenen Medikamenten von einer nur auf dem Papier existierenden Hilfsorganisation), erhalten sie von von Paramilitärs Morddrohungen. Der Vorsitzende der Anthoc musste Caquetá verlassen. Auch Alfredo flüchtete nach Morddrohungen ins Ausland. Ob die Paramilitärs unter Uribe nicht entwaffnet wurden, will ich mit etwas gespielter Naivität wissen und die Antwort ist klar.

Nach dem Interview werden wir durch das Krankenhaus geführt. „Journalisten aus
Deutschland“
heißt es bei jeder Begrüßung. In der Notaufnahme sehe ich apokalyptische Szenen: halbnackte Alte, offenbar mit psychotischem Schub, brüllend auf dem Fußboden, die Liegen reichen nicht aus. Kleinkinder im Fieberdelirium, die die auf dem Schoß der Mütter seit der Nacht auf den Stühlen warten müssen. Namensschilder sind auf die Wand über dem Stuhl geklebt — und wir mittendrin wieder in der Zoosituation. Das Krankenhaus heißt übrigens Maria Inmaculada, also die ohne Erbsünde empfangene Jungfrau und Gottesmutter Maria.

Auf dem Taxi zum Flughafen klebt ein Aufkleber: „Ich wähle Nein!“ Der Fahrer ist kaum 20 und kichert während der ganzen Fahrt über die dämlichen Zoten aus dem Radio. An einem Kreisverkehr steht ein Wahlplakat:

„Das JA ist für die FARC, das NEIN für Kolumbien!“

2 KOMMENTARE
Rentner

Schöner Bericht.

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