Politik

Der 1. Mai in Kreuzberg war ein Elend, Zeit mal Pause zu machen und sich neu zu erfinden!

Einen Tag vor dem 1. Mai hatte ich mittags noch beim ehrenhaften Pufferimbiss am Hermannplatz einen Eierpfannekuchen gegessen und war dabei mit einem älteren Herren aus dem Kiez ins Gespräch gekommen, der meiner Einschätzung nach, weder mit linker Politik noch mit der Gewinnerseite des Neoliberalismus‘ sonderlich viel zu tun hat. Nachdem wir uns gemeinsam über die Preise auf den Maientagen (Karussellfahrt 4 Euro) aufgeregt und die Wetteraussichten (schlecht) durchgekaut hatten, kam er kurz und knackig auf die Historie des folgenden Kreuzberger Feiertags zu sprechen: 

„Na beim Bolle damals, da sind wir alle rein. Und danach ist er ausgebrannt.“ 

Am 1. Mai 1987 kumulierten die Wut auf die Verhältnisse, die bleierne Schwere der Kohl’schen Bundesrepublik, die Ohnmacht angesichts des stigmatisierten Lebens im Asozialen- und Türkenbezirk Kreuzberg ganz am Rande der Stadt und einfacher Erlebnishunger, in einem geplünderten und brennenden Bolle. Famas est: Die Polizei musste sich zurückziehen, die Kreuzberger soffen, kifften und tanzten bis das Gewaltmonopol wieder hergestellt war.

30 Jahre später fand in Kreuzberg am 1. Mai nicht sehr viel mehr als die routinierte Verwaltung des institutionalisierten Folkloreelends statt. Bereits am frühen Morgen begannen Standbetreiber, Polizei und Sicherheitskräfte das Myfest aufzubauen, um für den Kundenansturm gewappnet zu sein. Das 2003 von „Anwohnern, Gewerbetreibenden und bürgerschaftlichen Initiativen“ ins Leben gerufene Kiezfest, wurde initiiert, um Randale zu verhindern und erhielt logischerweise 2004 dann auch prompt den Präventionspreis des Landes Berlins. Wirtschaftskraft statt Randale! In diesem Zeitraum nahm die Geschwindigkeit des Wandels in diesem Bezirk an Fahrt auf. Eine Entwicklung, die einige Parallelen zu der Entwicklung Ibizas aufweist. Wie der ehemalige Westberliner Randbezirk war die Baleareninsel einst ein Rückzugsort für Aussteiger, Hippies und Nichtspießer, die mit Leistungsdruck, 9-to-5-Jobs und bürgerlichem Kleinfamilienglück nichts zu tun haben wollten. Irgendwann kamen Disco und Techno auf, passten ganz gut zur Rauschmittelaffinität der hiesigen Druffnicks, Clubs öffneten ihre Pforten und in wenigen Jahren wurde Ibiza zum neoliberalen Technozirkus mit Bier für 10 Euro, Gogotänzerinnen und sechsstelligen DJ-Gagen. Je professioneller und durchkapitalisierter sich der Vergnügungspark entwickelte, desto mantrahafter wurde dabei von Bewohnern wie dort lohnarbeitenden Festlandeuropäern der einzigartige Spirit, die totale Außergewöhlichkeit der Insel und der Mythos des insularen Andersseins betont.

Ähnlich verhielt und verhält es sich mit Kreuzberg. Nach der Wende wurde aus dem Gammler-, Migranten-, Arbeiter-, Linksradikalen- und Bundeswehrhasserstadtteil nach und nach ein Freizeitpark für Agenturmenschen, postantifaschistische Spießbürgerfamilien und exlinke Tugendwächter. Die bunte Nichtalltäglichkeit wird hier wie dort als Antipode zum tristen Arbeitsalltags normaler Menschen inszeniert und für einen Einblick und das (temporäre) Dazugehören muss der Normalo inzwischen tief in die Tasche greifen: In Ibiza 10 Euro für das kleine Bier, 50 Euro für den Eintritt in die Diskothek und 100 Euro für ein Bett im Appartment pro Nacht; in Kreuzberg 5,50 Euro für das Craftbeer, 200 Euro für die limitierten Adidas-Botten und 1000 Euro Monatsmiete für die halbwegs komfortable Wohnung. Wurden hier vor ein paar Jahren noch Polizeikräfte und Angestellte des Staates allgemein kritisch beäugt, sind es heute Flüchtlinge, Junkies und Drogendealer, die den bildungsbürgerlichen Bewohnern ein Dorn im Auge sind. Der Mythos von früher wird inzwischen hauptsächlich dafür genutzt den logischen subkulturellen Ausverauf voranzutreiben, also um Konzertbesucher zu locken, mit überteuerten Essens- und Bierständen am 1. Mai (bzw. durch Gastro allgemein) den Touris die Euros aus der Tasche zu ziehen oder um ein authentisches Wohnumfeld zu schaffen, das dem Selbstbild und Prestige der besagten Agenturklientel entspricht. Leicht nachvollziehen lässt sich das z.B. in sozialen Netzwerken durch die andauernde Abgabe von Statusmeldungen aus dem wilden Kreuzberg in die heimatlichen Gefildes Rest- und Westdeutschlands.

Zu dieser Veränderung des einst angeblich dissidenten Stadtteils passt die traurige Lage, in der sich die Hauptstadtlinke befindet. Aufgerieben vom Deutschlandfahnenklauen, Volksbefreiungsfolklore oder MDMA-Überdosis in der Autonomendisko – die Rede ist von den internen Kämpfen der letzten 20 Jahre – ist der Anschluss an aktuell stattfindenden Kämpfe bspw. von Stadtinitiativen, die zuletzt einige Erfolge feiern konnten, und der Kontakt zu nichtszenigen, also „normalen“ Menschen, völlig abhanden gekommen. Was machen die großen Antifagruppen bzw. deren erbärmlichen Reste heute eigentlich? Die linksbürgerliche Eventagentur TOP B3RLIN beschränkt sich darauf jedes neue Thema, das man in seiner Almanstudibubble aufschnappt, zur passenden, in vermeintlich lockerer Jugendsprache beworbenen, Klientelveranstaltung mit Thomas Ebermann im Festsaal zu konvertieren, aber beim diesjährigen 1. Mai glänzten die Nachkommen der AAB ohnehin durch Abwesenheit. Die ARAB-Reste arrangieren sich im Sinne des Hoodfriedens einfach mit türkischstämmigen Rechten, die RLB zieht – ohne irgendjemanden mit einzubeziehen und nach links oder rechts zu schauen – „ihr Ding“ durch, denn es reicht ja, wenn man selber weiß, dass man das Richtige denkt, und der Jugendwiderstand macht zwar rein optisch einen halbwegs stabilen Eindruck, aber neben Muskeln wären ja zumindest 2-3 Hirnzellen vielleicht auch nicht so superverkehrt. Immerhin gab es aber an diesem 1. Mai zumindest ein paar kleine positive Ausnahmen auf einer ganz subjektiven Ebene: In der Adalbertstraße hatte sich zeitweise eine spontane Crowd um einen Mikrofon-Mensch mit Soundsystem geschart und eine kleine Blockparty gefeiert: Helle Haut, dunkle Haut, dick, dünn, Hipsterhaare, Rastahaare, deutsche Pass, gar kein Pass. Wir hippiesken Menschenfreunde ergreifen ja inzwischen schon die kleinsten Strohhalme…

Blockparty (Nokia 230 TM)

Für einen kurzen Moment trat also das ungeplante ein und eine halbe Stunde bebte die Straße vor Freude an der Musik, bis die AKP-Jugend in Form grimmig dreinblickender türkischer Jungmänner mit Shindybartfrisurinstallation und neongelben Ordnerwesten in feinster deutscher Blockwartmanier dem Spaß ein Ende bereitete. Keine Genehmigung? Haddetschuss! Integration geglückt! Um 18 Uhr sollte dann die nicht angemeldete Demonstration losgehen. Die Polizei nahm die Verbalradikalinskiankündigungen mit Gleichmut hin. Die letzte nennenswerte Randale hatte es 2009 gegeben, die Anarchos haben aktuell andere Probleme und wegen des nahenden G20-Gipfels in Hamburg konnte man davon ausgehen, dass sich sowieso kein Mensch, der halbwegs bei Sinnen ist, mit 6000 Helmcops, 100 Zivis und 100.000 Handykameras für die nicht vorhandenen Inhalte einer inhaltsleere Folkloreparade grade macht. Immerhin ließ sich am Demotreffpunkt die lokale Politprominenz sehen. Diese gab ein ähnlich trauriges Bild wie die Berliner Linke ab: Die Köpenicker Provinzschwuppe Tom Schreiber und der grüne Grinsemoppel Benedikt Lux standen ein bißchen nervös rum und suchten irgendwas. Charisma vielleicht? Teile der HATE-Redaktion haben sich dem Elend übrigens ganz investigativ und mit einem Nokia 230 (TM) ausgestattet genähert, bevor es belastend wurde und wir uns wieder den kurzweiligen Batschereien zwischen Isrealspargeln und Palifreaks widmeten.

Tom Schreiber und Benedikt Lux (Nokia 230 TM)

Zur Demo braucht man nicht viele Worte verlieren. Inhalte wurden, außer einer Palifahne und BDS-Kram, keine vermittelt. Ok, und die tüchtigen Juttajünger mit ihren gelben Zetteln… Selfie mit der Mutter aller Wahnwichteljägerinnen wurde dann auch noch abgehakt.

jutter-1

Die Polizei hatte alles perfekt im Griff und lies den Zug einfach martialisch vermummt durch das Myfest laufen. Bei der zu erwartenden und sich später bestätigenden Harmlosigkeit aus Copsicht die richtige Taktik.

Als es Richtung Neukölln ging, wurde langsam gekesselt – Durchbruchmöglichkeiten ignorierte man ja in Berlin traditionell – und in der Friedelstraße hallten die Sprechchöre etwas lauter, die Polizei machte allerdings schnell deutlich, dass sie sich an diesem Tag nicht auf der Nase rumtanzen lassen würde.

Ab und an flogen Böller, wobei sich offenbar noch nicht herumgesprochen hat, dass ein Ausflug 100 Kilometer nach Osten evenutell etwas effektiver sein könnte, als das Horten deutscher D-Böller von Silvester.

Am Rande wurden ein paar Suffnazis weggeschellt und am Spreewaldplatz konnte man dann eindrucksvoll beobachten wie haushoch überlegen die Polizei mit ihrer Kleingruppentaktik längst ist. Routiniert zogen die in der Dunkelheit von weitem kaum erkennbaren Schwarzhelme da einen Vermummten/Flaschenwerfer/Pöbler nach dem anderen raus, bis um 22 Uhr der Platz befriedet war. Immerhin zündete man die obligatorischen Fackeln, das reicht ja heutzutage schon für die Attribute „kraftvoll“ und „kämpferisch“.

Als Fazit kann man sich eigentlich nur die sofortige Auflösung der Berliner Antifagruppen im Sinne einer Neuorganisation ohne die verkalkten Kader, sowies eine mehrjährige Pause für den 1. Mai in Berlin wünschen. Sinnfreier als die Politveranstaltungen an diesem Tag kann und sollte es einfach nicht mehr werden.

4 KOMMENTARE
xadyn

jetz habt euch halt mal nich so und schreibts doch mal aus: stabile bolschewiki, geschlossene arbeiterreihen wären doch eure forderungen oder nech?! wäre ja auch korrekt. aber ne kritik an der bürgerskinder antifa ok ja auch nicht übel, aber dann gleich mal auch hinschreibseln was stattdessen zu tun ist. 🙂 gruß grüße.

ANTWORTEN
JONAS GEMPP

Ja, aber man darf halt auch mit der Tür nicht ins Haus fallen. lg ciao

ANTWORTEN
Väterchen Ute

GEMPP IS ON FIRE YOUR ANTIFA IS TERRIFIED <3

Gegen stabile Bolsheviki ist nie etwas einzuwenden.

ANTWORTEN
maddox

Lieber Herr Gempp,
Falscher wird eine Kritik durchs Altern ja nicht. Aber sie ist eben alt. Und daß diese Kritik zwar immer noch richtig ist, und sich der erste Mai sowie das ganze Viertel kommerzialisiert hat und die politischen Antagonisten tatsächlich rat- und hilflos dahin siechen, ändert nichts daran, daß sie einen sehr langen Bart hat – ihre Kritik und der Artikel. Etwas mehr Frische kann unser miefiges herumgehänge in diesem Brei schon vertragen. Denn vor über zwanzig (!) Jahren waren ein paar Junge Menschen schon weiter: „wir kommen uns zu beschweren“ Tocotronic.
Herzliche Grüße,
Maddox, ihr Pfleger aus der Geriatrie

ANTWORTEN

Schreibe einen Kommentar zu Väterchen Ute Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.