Politik

Freundinnen und Freunde des Conne Islands: Ein anderer Text wäre möglich gewesen

Als “Tugendfuror” empfand Bundespräsident Joachim Gauck die letzte große Sexismus-Debatte. Der Hashtag #aufschrei hatte eine Lawine aus Tweets von Frauen über sexistische Übergriffe und Bemerkungen ausgelöst. Man war sich aber im Deutschland 2013 nicht sicher, ob die Beurteilung der Frage: Heißer Flirt oder Sexismus nicht zu sehr von persönlichen Befindlichkeiten der Frauen abhänge. Man stelle sich nur vor, Laura Himmelreich hätte George Clooney und nicht Rainer Brüderle getroffen! Ein im Nachgang der Debatte erschienener Bestseller hieß: “Dann mach doch die Bluse zu!” Ex-Familienministerin Kristina Schröder sagte dem Antisexismus den Kampf an und schrieb: „Man darf die Warnung vor der Degradierung der Frau zum Objekt männlicher Sexualität wohl getrost vor allem als raffinierte Form feministischer Herrschaftssicherung im öffentlichen Diskurs interpretieren.” Österreich war 2015 über die Frage gespalten, warum man Frauen nicht oder völlig zu Recht an den Po grabschen darf. „Wer nicht versteht, was in Deutschland Sexismus bedeutet, versteht auch nicht, warum er die Party verlassen muss”, sagt das Conne Island drei Jahre später.

Und alle so: Ja genau!

Die sexuelle Selbstbestimmung der deutschen Frau steht seit Silvester ganz oben auf der politischen Agenda – sogar bei Antifeministen. Weil diese Übergriffe auf Frauen besonders perfide, nämlich kollektiv abliefen? Wohl eher, weil die mutmaßlichen Täter Migranten waren. Nachdem die so genannte Willkommenskultur von soliden 20 Prozent der Deutschen schon im Sommer davor zum Vorboten der nationalen Apokalypse erklärt wurde, war zu erwarten, dass in feministischer Pose ausgiebig die Welle rassistischer Hetze gesurft wird. Genau das war auch zu erwarten, als dass Conne Island – ein linker Laden – endlich zugab, dass Flüchtlinge keine Kuscheltiere sind und Disko jetzt nicht mehr wie früher einfach nur fun, sondern clash of culture bedeutet.

Nein, die Alternative wäre nicht gewesen, alles im toten Winkel der Toleranz zu belassen. Eine Alternative wäre, ein Papier zu schreiben, dass erstens linken Basics Rechnung trägt und sie nicht hinter sich her schleift. Und das zweitens die politische Großwetterlage, auf die es trifft, auf dem Schirm hat. Ausdrücklich ungewollt wiederholt das Statement aber eingeübte Klischees, die Migranten/Flüchtlingen en bloc anheften und die keineswegs tabuisiert, sondern omnipräsent sind: Sie sind wild, aggressiv, geil, undiszipliniert, unbelehrbar. Da steht nicht, ein Teil der Flüchtlinge bringt alles das mit, wovor andere geflohen sind: Frauenverachtung, plus Islamismus, Hass auf den Westen usw. Da steht “die” bringen Eigenschaften mit, die “wir” nur schwer ertragen können. Dieser Gegensatz zwischen “uns“ und “denen” hat eine kulturalisitische und ethnische Komponente, wenn deren “autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation” unserer “westlichen (Feier-)Kultur” gegenübergestellt wird. Diese Grobschlächtigkeit ist genauso wenig hinnehmbar, wie beispielsweise ein unterbelichteter Antikapitalismus, der antisemitische Stereotype reproduziert, oder aus Versehen dafür anschlussfähig ist.

Ja, man darf kulturelle und soziale Hintergründe der Täter analysieren. Sie taugen aber genauso wenig als Entschuldigung, wie zur Erklärung. Soziale und kulturelle Prägung funktioniert doch nicht so wie die Ausstechformen, die man in den Teig drückt, der dann in den Ofen geschoben wird, damit diese Form für immer festbackt. Sonst wären “wir” auch für immer brave Jungpioniere, Jammer-Ossis, scheinheilige Christen usw. geblieben. Die soziale Realität sieht anders aus. Auch für Geflüchtete. Viele haben wahrscheinlich nicht nur durch ihre Kultur, sondern durch Fluchtgründe und auf der Flucht ordentlich einen mitgekriegt. Sie erleben hier massive Ungerechtigkeit, Benachteiligung und Ausgrenzung allein schon aufgrund ihres Status. Es gibt Sprachprobleme, die offenbar für beide Seiten nicht so leicht zu überwinden sind. Bis heute gibt es den Text, der ein Diskussionsangebot sein will, nicht auf englisch. Das alles sind keine Entschuldigungen für Täter, sondern Konfliktursachen – zum Teil made in Germany.

Die 50-Cent-Charity des Conne Island war nicht der multikulturelle Kitt, den man gerne gehabt hätte. Und unter uns, diese integrativen Projekte, von denen jetzt überall zu lesen ist, wurden von einigen wenigen getragen und waren im Laden auch nicht sonderlich integriert. Die meisten haben diese Flüchtlinge im Conne Island wohl erst als Sicherheitsproblem kennengelernt, als das sie auch weiterhin adressiert werden. Dies wäre anders, wenn es gelingen würde, einige dieser Menschen institutionell oder politisch einzubinden. Bedauerlich ist auch, dass man das Willkommensklima nicht genutzt hat, um das mörderische europäische Grenzregime, den Türkei-Deal, oder die parallelen Asylrechtsverschärfungen der letzten zwei Jahre (Ausreisegewahrsam, Aussetzung des Familiennachzugs für unbegleitete Minderjährige, Abschiebeerleichterungen für gesundheitlich angeschlagene Flüchtlinge, etc) zu kritisieren. Gerade dann wenn es darum gehen soll, Frauen zu schützen, wäre es ja schön gewesen, sich gegen Doppelstandards im deutschen Recht zu positionieren. Ein ausländischer Straftäter kann seit neuestem wegen Sexualdelikten abgeschoben werden. Und das stellt Betroffene, die nicht gleich für Leib und Leben des Übeltäters verantwortlich sein wollen, vor ein Riesendilemma.

Vorauseilender Antirassismus, wie ihn sich das Plenum attestiert, bzw. falsche Rücksichtnahme ist also nicht unbedingt das Ergebnis von Naivität und Gutmenschentum, sondern eine Denkfalle, die gesellschaftlich produziert wird. Warum schiebt sich beständig der Gedanke in den Vordergrund: “Hoffentlich waren es keine Flüchtlinge?” Weil ein Blick auf die Statistiken rechter Gewalttaten zu Recht befürchten lässt, dass noch mehr besorgte Bürgerinnen und Bürger ihre zivilisatorische Contenance verlieren. Weil Nachrichten, Schlagzeilen, Facebook-Threads, Tweets, politische Reden usw ohnehine auf Ausländer-Kriminalität fokussieren und weil dieses Thema Aufmerksamkeit und traffic garantieren. Warum die mediale Begeisterung für das Papier des Conne Islands, nur weil es um Sexismus geht? Dann ist es komisch, dass beispielsweise Vergewaltigungsverfahren oft nur dann zur Kenntnis genommen werden, wenn der Verdacht besteht, das Ganze sei der Komplott eines weiblichen Racheengels. Zu den Voraussetzungen falscher Rücksichtnahme gehört auch, dass rassistische Einlasskontrollen, besonders in Ostdeutschland, gang und gäbe sind. Das ist auch ein Faktor, warum Probleme an Ausnahmeorten geballt auftreten. Wer diesen Umstand nicht mal benennt, wird unversehens zum Leumund dieser Einlasspolitik und erweist allen Projekten, die sich gegen diese Praxis engagieren, einen Bärendienst.

Lauter Stigmatisierte und Marginalisierte kommen also ins Conne Island und manche Gäste wie Ladenleute fanden, sie sollten hier und da mal Fünfe gerade sein lassen. Grundsätzlich erstmal symphatisch, hilft nur nicht und ging offenbar ganz massiv auf Kosten anderer. Ob ein zu stark ausgeprägter Antirassismus antisexistische Standards unterwandert hat und nachts zur Eskalation führte, sei dahingestellt. Um dieses Missverhältnis zu klären, hätte man sich an Läden wenden können, in denen es anders läuft. Dieser Konflikt zwischen Antisexismus und Antirassismus ist ja auch gar nicht so neu, sondern vielmehr ein Evergreen linker Debatten. Auch professionelle Unterstützung wäre denkbar gewesen. Und es wäre auch nicht schlimm, still und leise zu kapitulieren und auf milde Gesten zu verzichten. – vielleicht besser als einmal mehr Geflüchtete zum Law-and-order-Problem zu machen.

Stattdessen dieses Drama. Es soll um Sexismus gehen, aber es muss offenbar raus: Flüchtlinge, die wild auf Autos rumspringen, klauen usw. Warum müssen ausgerechnet diese Ausländer-Probleme so beispiel- und bildreich an die Öffentlichkeit? Vielleicht bietet das eigenen Ängsten und Befürchtungen ein Ventil. Aber gehört das nicht eher in eine interne Auseinandersetzung? Es ist jedenfalls schon seltsam, wie sehr und explizit “wir” über „die“ sprechen. Detaillierte Beschreibung von Übergriffen wurden in Sexismusdebatten möglichst vermieden. Sei es um Betroffene zu schützen, oder weil die Lust auf Sensation und Skandal Diskussionen negativ beeinflussen könnten . Ist es also mutig, das auszusprechen, nach dem Motto endlich sagt’s mal jemand? Es wird doch permanent darüber gesprochen. Sogar frei erfundenen Geschichten wird ausgiebig nachgegangen, über Schwäne etwa, die in angeblich Flüchtlingskochtöpfen landen.

„Dieser Ort mit seinen Grundsätzen, wie wir ihn uns in den letzten 25 Jahren erkämpft haben, muss bestehen bleiben – trotz und gerade wegen der turbulenten gesellschaftlichen Situation, in der wir uns momentan befinden“, schreibt das Conne Island. Hier findet eine rhetorische Figur aus rechten Kreisen seinen Wiedergänger. Es müssten nur “Ort” durch Land, “Grundsätze” durch christlich-abendländische Werte ersetzt werden. Allesamt durch migrantischen Zuzug in Gefahr. Anschlussfähig an die neurechte Lehre der Nicht-Übersetzbarkeit verschiedener geschlossener Kulturen ist eben auch die Gegenüberstellung von “autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation” und “westlicher (Feier-)Kultur”. Das mögen unglückliche Zufälle sein. Oder es ist tatsächlich so, dass man in deren “Realität” angekommen ist. Mehrfach wurde das Conne Island dafür beglückwünscht.

Das wollen wir nicht glauben.

Wir halten Form und Inhalt des Textes nicht für angemessen. Er wurde nach Jahren veröffentlicht, in denen das Plenum nichts Vergleichbares zu den permanenten Übergriffen auf Asylunterkünfte und MigrantInnen, zu Heidenau, Bautzen, Dresden, Einsiedel, nichts zu dem massiven Rechtsruck, der durch Deutschland und Europa geht und mit Pegida, Legida, der AfD und der sächsischen CDU ein wichtiges Zentrum in Sachsen hat verlauten ließ. Wäre klar gewesen, dass dieses Papier nach langer Zeit des politischen Stillschweigens veröffentlicht wird, ohne diese Zustände auch nur zu erwähnen, hätten sicherlich mehr Menschen interveniert.

Der Text ist ein Beleg dafür, wie schwierig es ist, eine universalistische, globale politische Ethik nicht nur aber auch angesichts der “Flüchtlingskrise” zu entwickeln. Die Neue Rechte bietet Antworten: nationale Schließung, ethnische Homogenität und autoritäre Unterordnung. Und die scheinen momentan derart verlockend, dass sich in Frankreich ehemals antiautoritäre Linke der migrationsfeindlichen und nationalistischen Position von Marine Le Pen angeschlossen haben. In Deutschland steht Sahra Wagenknecht, Vorsitzende der Linkspartei, für einen Nationalismus von links der sich rechts anbiedert. Um so wichtiger ist es für die außerparlamentarische Linke, für die das Conne Island immer Ankerpunkt war, sich bei Tageslicht ein bisschen genauer mit der “turbulenten gesellschaftlichen Situation” auseinanderzusetzen und die Herausforderungen der Zeit anzunehmen, wenn man rechtem Denken nicht den politischen Raum überlassen will. Das wird das Conne-Island-Plenum alleine nicht schaffen und die Verantwortung tragen auch die politischen Gruppen, die das Conne Island vor allem als Logistik-Zentrum begreifen und offenbar am Plenum vorbei Politik machen. Die Geflüchteten jedenfalls werden bleiben, gewöhnen wir uns daran. Und beruhigen wir uns wieder: Sie werden den Laden mit seinen Standards weniger in Gefahr bringen als beispielsweise die AfD in sächsischer Regierungsbeteiligung.

Freundinnen und Freunde des Conne Islands

2 KOMMENTARE
9xck1gvs

[quote]Ein ausländischer Straftäter kann seit neuestem wegen Sexualdelikten abgeschoben werden. Und das stellt Betroffene, die nicht gleich für Leib und Leben des Übeltäters verantwortlich sein wollen, vor ein Riesendilemma.[/quote]
Sicher? Wäre ein Opfer eines sexuellen Übergriffs nicht mindestens an einer Abschiebung des Täters interessiert?

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