DIESDAS

Warum das linke Abarbeiten am Partypatriotismus Blödsinn ist

Bild: Times/Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Die Europameisterschaft hat begonnen und Teile der deutsche Linken befinden sich im moralischen Vollrausch. Endlich gibt es wieder tägliche Skandale und Schnappatmungsnotwendigkeiten. Nachdem Briten, Russen, OM-Anhänger und Polizei ein Wochenende in Marseille durchrandaliert haben, fand gestern das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft in Lille statt. Und wenn 20.000 Fans einer Mannschaft zusammenkommen, sind natürlich einige extragruselige Exemplare dabei. Für den aufrechten Teutonenantifa ist aber bereits das bloße Event Europameisterschaft eine schlimme Sache. Patriotismus, das lernt man bereits im ersten Semester, wenn es um die kollektive Identität geht, ist nämlich Protonationalismus und Nationalismus mündet (gerade in Deutschland) in industrieller Menschenvernichtung. Logische Forderung: „Nat-jo-na-lismus raus aus den Köpfen KLATSCH KLATSCH KLATSCH KLATSCH KLATSCHKLATSCHKLASCH!“. Die aufrechte Almanlinke, der es niemals differenziert genug zugehen kann, hat für Fußballgroßereignisse daher ein simples Zweiphasenverfahren entwickelt:

1. Analyse: Einfach alle Menschen, die sich, ihre Autos oder Häuser vier Wochen lang mit schwarz-rot-goldene Accessoires schmücken als homogenen Nationalistenmob diffamieren. (Endlich mal kein Beharren auf Erhebungsstandards! Achtung Volk! Diesdas!)

2. Praxis: Fahnen abknicken, Fernseher ausmachen, Titanic-Joke bei Facebook posten, witty Tweets schreiben.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Nationalstaat und die Konstruktion einer wie auch immer gearteten nationalen Identität, die sich aus irgendwelchen ausgedachten kulturellen und historischen Meilensteinen zusammensetzt, sind natürlich abzulehnen. Dass Nationalismus und Ausgrenzung Hand in Hand gehen, geschenkt. Welchen Sinn macht es aber, auch in Hinblick auf zukünftige Kämpfe, seine Energie für Fahnenklau und Empörungsproduktion zu verschwenden? Die Emphase mit der Deutschland eine Absage erteilt wird, steht sinnbildlich für ein marginalisiertes, um sich selbst kreisendes Symbolpolitikmilieu. Schlandablehnung ist dabei Konsens und identitätsstiftende Klammer von Ersti bis Alumni: Vom Fahnen abknickenden Jungantifa bis zum ex-linke Ex-Antifa, der sich längst in der spießigen Kleinbürgerlichkeit eingerichtet hat, können so alle am linksdeutschen Selbstvergewisserungszirkus partizipieren. Zur Freude aller schärfen auch die Nachwuchskarrieristen der Jusos und die jungen grünen Knechte mal wieder ihr Profil, bevor sie der triste deutsche Kaderalltag wieder hat.

Aus linker Perspektive sollte man sich mal die Frage stellen: Was zur Hölle bringen einem die Erkenntnisse, das geprüfte Argument oder die vermeintlich richtige Einstellung, wenn außerhalb der wohligen linken Bubble eine Realität existiert, in der sich Menschen positiv auf die deutsche Fußballnationalmannschaft der Herren beziehen? Das sind in den seltensten Fällen glühende Nationalisten, sondern Menschen, die sich über ein Event freuen, das alle zwei Jahre eine gewisse Abwechslung zum tristen Leben als Lohnarbeitender darstellt. Natürlich sind unter den Deutschlandsfans ekelhafte Nationalisten, die ihre großdeutschen Träume beim Fußball ausleben, aber es ist unredlich und methodisch gesehen Unsinn sich ein deutsches Nationalistenkollektiv herbeizuhalluzinieren. Die meisten Schlandisten sind harmlose Stinos, die den Weltmeistertitel besingen und sich billig produzierte Plastehelme in Landesfarbe auf den roten Suffkopf setzen:

Seitdem die deutsche Nationalmannschaft nicht mehr nur aus biodeutschen Superariern besteht, sieht man auch vermehrt Menschen, die bei so einem Turnier vor 16 Jahren noch mit Türkeifahne rumgerannt wären, in schwarz-rot-gold jubeln. Das steht übrigens in direktem Zusammenhang mit der Frage: Wieso nur schafft es die radikale Linke in Deutschland kaum Migranten zu agitieren? Wieso sind deutsche Antifagruppen meistens teutonischer als eine jubelnde Fanmasse beim „Public Viewing“ in westdeutschen Großstädten? Einfache Antwort: Deutschland lässt sie Teil haben, die Linke nicht. Die deutsche Linke beschäftigt sich mit sich selbst und lässt sowieso nur die mitmachen, die sie sich im Selbstbezichtigungskarusell bewähren. Das sieht man aktuell sehr schön auf Twitter. Dort werden lieber irgendwelche ausgedacht wirkenden Geschichten zu den schlimmen Schlandnazis retweetet:

Und der absolute Nobrainer unter den Retweets derer, die grundsätzlich auf der richtigen Seite stehen, ist die Empörung über 1 Reichskriegsfahne, 1 Rauchtopf und 1 kleine Boxerei gestern in Lille:

Sofort blöken diese kritischen Geister triumphierend los und fragen sich selbstgerecht: „Und so sieht also der unverkrampfte Partypatriotismus aus???“

Nein, das sind dumme Nazis oder zumindest rechtsoffene Idioten, die zur Nationalmannschaft fahren bzw. deren Spiele anschauen. Die sind im Lauf der Zeit weniger geworden, aber es gibt sie eben noch. Gegen die kann man was machen, aber das tut man vor Ort und nicht bei Twitter. Und wie gesagt: Ein Nazikader (Michael Brück!!!! Chef der Dortmunder Nazis!!!!), ein paar Hitlergrüße, ein Rauchtopf (unschöne Szenen! Von Pyroterror her!!!), eine Reichskriegsfahne und eine kurze Boxerei sind halt so rein empirisch kein Beweis für irgendwas.

Wobei solche Meldungen sogenannter „Experten“ wie Rafael Buschmann natürlich gelegen kommen: Sie unterstützen die gerne transportierte Mär von den Hooligans, die zurückkommen in die deutschen Stadien. Freilich weiß jeder, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt und sich ab und an mal im Umfeld eines solchen Stadions bewegt, dass diese Rückkehr kein massenhaftes Phänomen ist, im Gegenteil. Doch eine differenzierte Sicht auf Partypatriotismus und Hooligans bringt nicht die Schlagzeile auf Seite 1, daher machen möglichst viele bei dem Spiel mit. Eventuell ist aber einfach jedes Wort über das institutionalisierte, angeblich antinationale Linkstum in diesem Land zuviel und dieses räudige, reaktionäre Schland ist einfach mit einer radikalen Linken gesegnet, die als Hauptproblem aktuell das Wedeln billiger Deutschlandfahnen ausgemacht hat. Als voll emanzipatorische Praxis ist das Abknicken oder antinationalistische Feiern des jeweiligen Gegners Deutschlands daher nur logisch. War übrigens erst der Anfang! Wird alles noch viel schlimmer!!!11!!!

8 KOMMENTARE
buenaventura

ich hab nur kurz drüber gelesen, aber da fehlt in der mitte irgendwo ein s. (ich statt sich)

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Klausi

„Damit wir uns nicht falsch verstehen: Der Nationalstaat und die Konstruktion einer wie auch immer gearteten nationalen Identität, die sich aus irgendwelchen ausgedachten kulturellen und historischen Meilensteinen zusammensetzt, sind natürlich abzulehnen. Dass Nationalismus und Ausgrenzung Hand in Hand gehen, geschenkt. Welchen Sinn macht es aber, auch in Hinblick auf zukünftige Kämpfe, seine Energie für Fahnenklau und Empörungsproduktion zu verschwenden?“

Ich finde es ja immer lustig, wie in Artikeln dieser Art davon ausgegangen wird, Energie würde verschwendet und wäre woanders besser eingesetzt. Letzteres mag sogar richtig sein, folgt doch aber nicht daraus, dass man Kritik am Party-Patriotismus unterlässt. Vielleicht hat es was mit dem Empirie-Trip des Autors zu tun, dass er nun auch noch den Energieerhaltungssatz auf’s Soziale anwenden möchte.

Ich denke wir sollten alle mit dem Fortbewegen aufhören, dann wird das schon noch mit dem besseren Leben.

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Südkurve

„Sie unterstützen die gerne transportierte Mär von den Hooligans, die zurückkommen in die deutschen Stadien. Freilich weiß jeder, der sich ein wenig mit der Materie beschäftigt und sich ab und an mal im Umfeld eines solchen Stadions bewegt, dass diese Rückkehr kein massenhaftes Phänomen ist, im Gegenteil.“

Es wäre zwar schön. wenn das gar nicht passieren würde, es ist aber leider die Realität, dass sich seit einigen Jahren diese Szene immer offener zeigt. In manchen Stadien mehr als in anderen und hier und da gibt es zum Glück starken Widerstand. Aber eben auch nicht überall und oft auch nur nach außen zur Schau getragen, während intern vor den Hools gekuscht wird.

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sonstwer

Pfff da fehlen zwei „KLATSCH“, das bringt den gesamten Rhythmus durcheinander!

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Der Isländer

Trotzdem ist es kein gutes Gefühl, wenn in der Kneipe offensichtlich rechtsgerichtete Typen den Ton angeben und keiner dagegen geht. Das wäre vielleicht passiert, wenn die z.B. den Hitlergruß gezeigt hätten. Das hat der eine Teil dieser Clique wohl nicht, der andere zumindest nicht in der breiten Öffentlichkeit machen wollen. Dass der allgemeine Patriotismus eben auch der Nährboden für diese Entwicklungen ist, zeigt, dass die Linke grundsätzlich hier richtig liegt, wenn auch leider manchmal zu pauschal und nicht zielgerichtet genug.

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Thorsten

Ein sehr gelungener Artikel, der auch meine Gedanken zu dem Thema auf den Punkt bringt. Danke dafür!

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m

Ich lese keine Artikel mehr, die mit „Warum…“ beginnen.

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JONAS GEMPP

lol, dange für den wichtigen Beitrag! ???

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