DIESDAS

Juri Sternburg war auf dem Weihnachtsmarkt und hat gegen den Terror getrunken

Langeweile herrscht. Wetter ist schlecht, Laune ist mittelmässig. Die Terrorangst geht um in Kaltland. Hinter jedem Busch, in jedem Rollkoffer wird ein vermeintlicher Attentäter vermutet. Dann lese ich eine Headline, die mich aus der üblichen Facebook-Lethargie reisst: „Risiko-Experte rät: Gehen Sie ins Stadion und auf den Weihnachtsmarkt“. Donnerwetter, so viele Fragezeichen in einer Überschrift. Erstens: Was zum Kuckuck ist ein Risiko-Experte? Ich hoffe inständig, dass wir hier von dem Gesellschaftsspiel reden, alles andere wäre sinnlos. In diesem Fall wäre aber mein Kumpel Mafo der grösste Risiko-Experte. Zweite Frage: Warum rät der Experte uns, speziell diese Orte der hemmungslos gelebten Profanität aufzusuchen? Wie sehr ärgert sich Deso Dogg, wenn ich mir ein Rubbellos kaufe und betrunken durch ein Spiegelkabinett laufe? Und vor allem: Ist das nicht ganz normal, ins Stadion oder auf den Weihnachtsmarkt zu gehen? Also zumindest wenn man Bock auf Alkohol, viele Menschen und eine handfeste Schlägerei hat. Und zu guter Letzt: Warum beschweren sich Menschen über HEFTIG-Überschriften, wenn irgendwelche CDU-Postillen mit derlei Unsinn ihre Artikel ankündigen dürfen? Dem musste ich natürlich auf den Grund gehen!

Es geht natürlich um die Terrorangst. Und um ein paar mögliche Gags vorweg zu nehmen: Ja, ich weiss, auf dem Weihnachtsmarkt lauern Kalorienbomben und man kann sich mit Glühwein wegknallen. LOL. Aber die Erklärungen, die Teile der Bevölkerung ermutigen statt verunsichern sollen, gehen weiter. Mit den Terroranschlägen von Paris, will man uns verbieten unseren westlichen Lebensstil so auszuleben wie wir es bisher taten. Denn Sicherheit gab es zwar noch nie und eigentlich kriegen wir jetzt auch nur mit, was andernorts Normalität ist, aber wir dürfen nicht aufhören zu kaufen. Kaufen, Leute, immer weiter kaufen. Also fresst und sauft was das Zeug hält, es geht gegen ISIS. Raiders heisst jetzt übrigens Twix und ISIS heisst Daesh. Das überzeugt mich und ich schwinge mir meinen neu erworbenen Schal um den Hals. Der Schal ist fast grösser als meine Wohnung und seit ich ihn habe, mag ich den Winter etwas mehr. Das Vermummungsverbot zählt hier mal nicht, denn der Schal ist modisch. Ich frage mein Handy nach einem Weihnachtsmarkt, mein Handy antwortet mir pflichtbewusst und wenige Minuten später stehe ich in Begleitung einiger anderer Todesmutiger auf dem Alexanderplatz. Um uns herum dröhnen die Fahrgeschäfte und die Billig-Mucke, die jeden Besucher dazu zwingen schäbigsten Alkohol in sich hinein zu kippen.

Gleich das erste Erlebnis wirft Fragen auf: Ein bärtiger Mann, grösstenteils vermummt, steht am Eingang. Aber alles gut, es ist nur ein Weihnachtsmann mit leichter Fahne. Wer trinkt, ist kein Terrorist. Vielleicht sollte man an Flughäfen bald die Promille-Kontrolle statt diesen unangenehmen Nacktscannern einführen. Schliesslich wusste auch Wolfgang Bosbach zu berichten: „Die wollen uns unser Glas Rotwein verbieten.“ Und so geht’s ja nun nicht. Schweinefleisch hin, Vollverschleierung her, wenn der Bosbach seinen Rotwein nicht kriegt, dann ist aber wirklich mal die Spitze der afghanischen Berge erreicht. Wolfgang Bosbach ist dieser Typ, der in den Talkshows sitzt, wenn die Redaktion niemand gefunden hat, der wirklich was zu sagen hat. Also fast immer. Folgerichtig führt Bosbach auch die Statistik der häufigsten Gäste in deutschen Plapper-Runden an. Meine Freunde sind gelangweilt. Sie kennen Bosbach nicht, wollen jetzt endlich Glühwein trinken und dann in die „Wilde Maus“ steigen, um ihre rote Kotze einige Meter über dem Erdboden in alle Himmelsrichtungen zu verteilen. Sie sehen darin eine Metapher, ich lediglich Freude am Erbrechen. Aber wie hiess es schon in der Bibel: „Er brach das Brot und verteilte es unter den Armen.“ Mit den Armen kann mans ja machen.

Ich hol mir ein paar mit Schokolade überzogene Weintrauben. Diese hat Giulia Siegel letztens in einer Oktoberfest-Doku angepriesen. Die kandierten Apfel sind nämlich schlecht, wenn man anschliessend noch knutschen will. Da klebt dann immer was zwischen den Zähnen. Und wenn es eine Sache gibt, die uns der IS bzw Daesh bzw dieser rothaarige Konvertit aus Mönchengladbach verbieten will, dann ja wohl hemmungsloses Knutschen. Die Weintrauben schmecken scheisse, ich hol mir ein auf 35 Grad erhitztes Bier und begebe mich in Richtung eines Schießstandes. „Was wäre denn eigentlich wenn ich jetzt mit einem der Gewehre hier Amok laufe?“ frage ich den Budenbesitzer, einen jungen Mann, der garantiert alle Steppwesten tragenden und sich auf Jahrmärkten rumtreibenden jungen Mädchen von Pirmasens bis Görlitz schon bezirzt hat. Der zeigt’s dem IS bestimmt mal so richtig, denk ich mir. Er lächelt überlegen. „Di sans doch an oana Schnuar“ sagt er. Ich glaube, er meint damit, dass seine Gewehre befestigt sind. Ohnehin scheinen die Waffen nicht sonderlich gefährlich, aber wer weiss, die Kurden haben Kobane zu Beginn auch mit Mistgabeln und Zwillen verteidigt. Also so halb zumindest. Vielleicht sollte ich mich also einfach hier betrinken und abwarten, bis so ein IS-Dude um die Ecke kommt. „Kann ich hier einfach stehen und saufen?“ Er bejaht. „Du bist solang no net bsuffa, solan doa am Boden liegn konnst, ohne di festhoitn zu müssen.“ Ja klar, Dikka. Ich lege mich auf die Lauer. Das Bier knallt, die Musik hämmert. Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch und auf der Rummelbumsdisko verteidigt.

Das Publikum um mich herum, scheint keine Furcht zu kennen. Angst haben sie natürlich. Aber Angst ist diffus, Furcht ist konkret. Sie haben Angst vor einem bellenden Hund oder dass ihnen ihr Smartphone auf den Boden fällt. Keiner rechnet mit der unmittelbaren Islamisierung des Weihnachtsmarkts. Wir sind ja hier nicht bei Facebook. Das ist das richtige Leben. Ich bleibe auf der Hut, der Bosbach hat uns ja gewarnt. Am Schießstand lässt sich aber niemand blicken. Meine Freunde taumeln vorbei, sie haben rote Flecken auf ihren Jacken und lachen. Ja ja, die sollen nur lachen. Wenn die wüssten, was alles unternommen wird, im stillen Kämmerlein, damit wir uns so richtig sicher fühlen. „Was denn?“ fragt einer von ihnen, aber darauf antworte ich nicht. Das kann man nicht erklären, das stellt man einfach so in den Raum und dann hat die Bevölkerung das so hinzunehmen. „Ich bitte sie einfach uns zu vertrauen.“ hat Thomas De Maizère gesagt. Ich sehe keinen Grund warum man das nicht tun sollte. Deutsche Behörden haben sich in der Vergangenheit durch Transparenz ausgezeichnet, da sollte man ihnen ruhig einen Vertrauensvorschuss geben. Und das mit dem NSU, ja gut, jetzt reicht’s aber auch mal, ich kann das nicht mehr hören. Sucht euch mal ein paar neue Themen, immer diese Miesmacherei. Stattdessen schleiche ich zur Losbude. Das ist ja quasi Glücksspiel, steht also sicherlich auch ganz oben auf der Liste der Anschlagsziele.

Einige Stunden später ist immer noch nichts passiert. Ich habe zwar einen überdimensionierten Teddy gewonnen, ihn aber sofort an ein kleines Mädchen verschenkt. In Hannover wollten die das Stadion ja mit einem Krankenwagen hochsprengen, wer weiss was in dem Teddy so alles drin ist. Irgendwie hatten alle Spaß, ausser mir. Dabei war ich doch der einzige der hier ganz bewusst her gegangen ist, um Abu Bakr al-Baghdadi mal so richtig den Stinkefinger zu zeigen. Mich in rebellischer Trotzigkeit hochsprengen zu lassen, in dem vollen Bewusstsein aktiven Widerstand zu leisten, so wie es die Politiker empfohlen haben. Oder wenigstens, jeden Moment die Explosion erwartend, hemmungslos gebrannte Mandeln und Nussknacker kaufen. Auch wenn nichts passiert, müssen wir dennoch ständig auf der Hut sein. Ein Zeitungsverkäufer läuft vorbei. In Berlin gab es Razzien. Das SEK war dabei, die Bilder sehen martialisch aus. Es wurden ganz konkret Anschläge verhindert, heisst es. Nur Festnahmen gab es keine, naja. Ich kaufe eines der Schundblätter und lese quer. So macht man das nämlich. Querlesen. Abu Bakr al-Baghdadi wurde vom TIME Magazin auf Platz 2 der „Person of the year“-Liste gewählt. Vor ihm Angela Merkel, dahinter Donald Trump. Ich bin verwirrt. Hans Christian Ströbele, das Feigenblatt der längst zu mülltrennenden FDPlern verkommenen Grünen, fordert ein Verbot „zu lauter Böller“. In Zukunft sollen Böller nur noch halb laut sein. So wie Knallerbsen. Ich finde das gut. Wir müssen alle dagegen halten. Gibt es eigentlich Alternativen? Naja, vielleicht machen wir auch alle mal eine Lichterkette zusammen. Oder wir rufen halt mal dazu auf „ganz bewusst Flüchtlingsheime zu besuchen“, aber nicht so, wie sie jetzt denken. So ganz ohne Molotow-Cocktails und Pflastersteine. Einfach mal dort hingehen wo Menschen tatsächlich in Gefahr sind. Aber auf solche Ideen kommen der Bosbach und seine Kumpels irgendwie nicht. Die haben nämlich weder Glühwein in den Aufnahmelagern, noch wollen Sie ihm seinen Glühwein verbieten. Die sind einfach nur tagtäglich ganz akut bedroht. Irgendwie langweilig.

– von Juri Sternburg –

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