In Frankfurt geht’s gerade gut ab! Es ist ja ohnehin schon fast ein wenig verwunderlich, dass Frankfurt als europäisches Finanzzentrum im Jahr 2015 noch immer über ein zentrales Amüsierviertel verfügt, in dem Junkies, Nutten, Zuhälter, Tagelöhner und Säufer das Bild zumindest noch teilweise prägen. Weil das Paradigma des suburbanen Lebens als Nonplusultra für die Kinder und Ausdruck des eigenen Wohlstandes längst nicht mehr gilt, wird es in den deutschen Innenstädten immer enger. Bis Ende der 80er waren die Brüder Chaim und Hersch Beker mit Hilfe lokaler CDU-Größen hier die Herrscher über Puffs und Hinterhofcasinos, ihre Zeit ging – ungefähr zeitgleich wie die der offenen Drogenszene in der Taunusanlage – mit dem Mauerfall und einer spektakulären Flucht nach Israel zu Ende. 25 Jahre später ist das Bahnhofsviertel immer weniger Kemal Kayankayas düstere Hood, sondern Schauplatz einer Gentrifizierungsschote mit unterschiedlichen Protagonisten: Einer davon ist Wirtz, ein unfassbar schlechter und unsympathischer Sänger, der sich gerade eine Eigentumswohnung gekauft hat und jetzt gemeinsam mit der CDU durch das Viertel patroulliert, um einen Befriedungsplan zu entwickeln:

Kern der Befriedungsmaßnahmen ist das von Wirtz initiierte TAB – Taunusstraße Arts & Bites, quasi eine Art Bürgerwehrflashmobevent mit Streetfood und „Kunst“. Alles daran ist verkehrt, doch zum Glück gibt es die Künstlergruppe Frankfurter Hauptschule, die sich das nicht mit anschauen wollen und als logische Konsequenz auf die Betäubung mit Heroin setzen. Wir haben mit ihnen gesprochen:

HATE: Wer seid Ihr und was macht Ihr warum?

FRANKFURTER HAUPTSCHULE: Wir sind eine aufstrebende junge extrem dynamische Künstlergruppe, die sich die Abschaffung der Postmoderne auf ihre Fahnen geschrieben hat.

HATE: Was ist da los im Bahnhofsviertel? Wieso singt allen Ernstes der Xavier-Naidoo-Freund Wirtz da regelmäßig seine Debilenschlager, ohne dass bis jetzt interveniert wurde?

FRANKFURTER SCHULE: Es ist ein verdammtes Rätsel.

HATE: Dass sich Viertel (also das Bahnhofsviertel seit Ende der 90er, beginnend mit der Befriedung der Kaiserstraße) wandeln und aufgewertet werden, ist eine Folge von Stadtpolitik und kapitalistischer Verwertungslogik, also nicht unbedingt ein Frankfurtspezifischer Phänomen. Eigentlich ist es ja nur logisch, dass auf Künstler und Alternative jetzt die vorm Plank stehenden Annabelles und Julians (hoffe keiner von Euch heißt so) mit dem Agenturhintergrund folgen und von Junkies und Armut angewidert sind. Lässt sich so eine Entwicklung überhaupt verhindern?

FRANKFURTER HAUPTSCHULE: Doch, einer von uns heißt Julian. Und die Freundin eines anderen heißt Annabell. Ohne Spaß! Aber die stehen nicht vorm Plank, glaube ich. Ich glaube allerdings auch nicht, dass die Leute die vorm Plank stehen angewidert sind von Junkies und Armut, eher angezogen. Das Bahnhofsviertel, diese drei Parallel- und drei Querstraßen, wo sich an gewissen Ecken Junkies, Hipster und Prostituierte auf die Füße treten, hat ja tatsächlich einen gewissen Kitzel. Davon können wir uns auch nicht frei machen. Und das wollen wir auch ganz offen ausstellen. Mit unserer Aktion tragen wir natürlich unseren Teil zur Aufwertung bei. Diese Ambivalenz muss man wohl aushalten. Und ästhetisch ist sie eh ganz schön. Aber diese TAB-Leute, die sich mit Selfiesticks auf der Taunusstraße filmen und erzählen, dass sie sich hier Eigentumswohnungen gekauft haben und hoffentlich bald alles sauberer ist, aber sie auch niemanden verdrängen wollen – dieses erbärmliche und äußerst durchschaubare Schmierentheater hat uns sehr angewidert.

HATE: Wieso Hero spritzen und nicht Steinchen rauchen?

FRANKFURTER HAUPTSCHULE: Klar, am besten ist immer beides. H und Stein, das haut rein.

HATE: Was ist mit dem Kunstbetrieb? Provo wird da ja schon gerne gemocht und gerade, wenn die Aufmerksamkeit erst einmal geweckt ist, landet man schneller als man denkt im Welt-„Feuilleton“ oder die Monopol schreibt Artikel für Weltleser. Ok für Euch? Einfach egal? Nervt Euch?

FRANKFURTER HAUPTSCHULE: Nö, finden wir gut. Wir machen gerne Pressearbeit.

HATE: Was plant Ihr als nächstes? Rächt Ihr bitte das Kronprinzeneck?

FRANKFURTER HAUPTSCHULE: Hm. Ja, ok.

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